“Meinst du, das ist eine gute Idee?”, fragt mich meine Süße, als ich ihr berichte, dass ich zu einer Fachkonferenz nach Puerto Rico eingeladen wurde. Vor einem Jahr wurde die Insel von dem verheerenden Hurrikan Maria schwer verwüstet. Wir recherchieren, dass die Wiederaufbauarbeiten noch längst nicht abgeschlossen sind, und es fühlt sich ein wenig wie Katastrophentourismus an, wenn wir jetzt die Insel besuchen.
Andererseits hilft natürlich genau das der Bevölkerung: die Wiederbelebung des Tourismus, des wichtigsten Wirtschaftszweigs des Landes. Und so beschließen wir nach kurzem Abwägen, in die Karibik zu reisen. Wir hängen ein paar Tage an die Konferenz an, schon wird ein Kurzurlaub daraus. Chris organisiert für die Zeit unserer Abwesenheit ein komplexes Support-System aus Haushüter, Katzenfütterer und mehreren Hundeausführern. Keine Frage, unser kleiner Zoo ist gut versorgt.
Die Reise von Kalifornien nach Puerto Rico gestaltet sich als ein ganz schöner Ritt. Rund zehn Stunden sind wir unterwegs, fast so lang wie nach Deutschland. Erst weit nach Mitternacht treffen wir im Dream Inn, unserer Bleibe in San Juan, ein. Die Temperaturen liegen noch immer bei 30 Grad. Freundlicherweise hat man uns als kleines Nachtmahl ein paar frische Früchte auf dem Nachttisch bereitgestellt. Und im Kühlschrank findet sich dann auch noch ein Bierchen.
Statussuche
Ich habe mich zuvor nicht mit Puerto Rico beschäftigt, habe also keine große Vorstellung, was wir zu erwarten haben. Ich weiß, dass Puerto Rico den Status eines sogenannten unincorporated territory innehat, der den Einwohnern automatisch die US-Staatsbürgerschaft und die von der US-Verfassung garantierten Grundrechte einräumt. Es gilt das US-Grundgesetz, die heimische Währung ist der US-Dollar. Ein eigener Bundesstaat, was den Einwohnern volle politische Mitbestimmung gewähren würde, ist Puerto Rico allerdings nicht. Seit Jahren wird daher um den zukünftigen Status der Insel gestritten. Erst im letzten Jahr fand erneut ein Referendum statt. Die überwiegende Mehrzahl der Wähler sprach sich dafür aus, dass Puerto Rico ein vollwertiger US-Bundesstaat werden soll. Die Wahlbeteiligung lag allerdings nur bei mageren 23%; die Befürworter der Unabhängigkeit von den USA nahmen gar nicht erst teil. Auf amerikanischer Seite machen Herr Trump und seine Spießgesellen keinen Hehl daraus, dass ihnen die Debatte um den Status Puerto Ricos am Allerwertesten vorbeigeht; einen neuen Nehmerstaat lehnen sie vehement ab.
Abgesehen von einigen Street-Art-Arbeiten, die sich im öffentlichen Raum kritisch mit dieser Dualität auseinandersetzen, bekommt man als Tourist von der politischen Zerrissenheit der Gesellschaft so gut wie gar nichts mit. Im Gegenteil, wir erleben die Puerto Ricaner als überaus freundliche und hilfsbereite Gastgeber. Politik ist in unseren Gesprächen kein Thema.
Historizität
San Juan ist die Hauptstadt und mit knapp 400.000 Einwohnern auch die größte Stadt der Insel. An ihrer Lage und den Stadtteilen lassen sich gut die verschiedenen Kapitel der jahrhundertealten Geschichte Puerto Ricos ablesen:
Da ist Old San Juan, die Altstadt mit den engen, kopfsteingepflasterten Gassen und bunten Häusern im spanischen Kolonialstil. Die mächtigen Festungsanlagen El Morro und San Cristóbal zeugen von der spanischer Kolonialmacht zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert. Erst der Spanisch-Amerikanische Krieg von 1898 bedeutet das Ende der spanischen Vorherrschaft. Von nun an steht Puerto Rico unter US-amerikanischer Verwaltung.
Weiter östlich befinden sich das Viertel Condado, das mit seinen modernen Hotelanlagen in den 50er-Jahren zu einem Hort der Reichen und Schönen, der Exilkubaner und Rumtrinker wurde, und damit neben Miami und Havanna den Tourismusboom in der Karibik einläutete. Und dann ist da noch Santurce, das bis in die 70er-Jahre das Finanzzentrum der Stadt darstellte, danach allerdings an Bedeutung verlor und zu einem Problembezirk abschmierte. Das sieht man dem Viertel zwar immer noch deutlich an, doch Santurce entwickelt sich derzeit zum In-Bezirk der Stadt mit angesagten Bars und Restaurants. Zugegeben, es mag ein wenig weit hergeholt sein, doch mich erinnert das heruntergekommene Santurce ein wenig an das Ostberlin der frühen 90er-Jahre.
Von der malerischen Strandmauer über das imposante neoklassizistische Capitolio bis hin zum eindrucksvollen Museum für puertoricanische Gegenwartskunst – wir sind gut zu Fuß unterwegs, doch zwei Tage reichen bei weitem nicht aus, die Stadt eingehend zu erkunden. Dass dabei schweißtreibende 40 Grad herrschen, macht das Asphalttreten auch nicht angenehmer.
Karibikfeeling
Die Konferenz selbst findet allerdings nicht in San Juan statt, sondern in einem luxuriösen Urlaubsresort an der Ostküste der Insel. Normalerweise sieht man mich allein bei der Erwähnung des Worts “Resort” nur noch durch eine Staubwolke von hinten ganz klein am Horizont, doch ich muss eingestehen, dass es sich im Wyndham Grand Rio Mar sehr gut aushalten lässt. Während ich von morgens bis abends Vorlesungen und Paneldiskussionen lausche und danach mit einem Getränk in der Hand auf Empfängen herumstehe, genießt Chris das Luxuslotterleben in vollen Zügen: morgens zum Wachwerden erst mal eine Stunde Yoga, danach ein Käffchen am Strand. Und wenn man schon mal da ist, kann man es sich dort auch gleich für den Rest des Tages gemütlich machen, abwechselnd lesen, schlafen oder das kristallklare, warme Wasser genießen. Fehlt nur, dass ihr Captain Jack Sparrow eine Piña Colada serviert.
Das Rio Mar wirkt wie aus dem Ei gepellt mit seinen gepflegten Poolanlagen, den präzise gesetzten Palmen und manikürten Rasenflächen, und es fällt schwer zu glauben, dass das Resort vor einem Jahr durch den Hurrikan Maria zu großen Teilen zerstört und erst vor wenigen Wochen wieder eröffnet wurde.
Überhaupt sind die meisten Sturmschäden behoben und die Straßen frei. Lediglich in den etwas abgelegeneren Ecken der Insel sehen wir zerstörte Gebäude, weggefegte Bäume oder Männer mit Westen und Schutzhelmen, die Masten reparieren und neue Strom- oder Telefonleitungen legen.
B-Seite
Die Konferenz ist zu Ende, und wir fahren mit dem Mietwagen auf die Südseite der Insel. In Ponce, der zweitgrößten Stadt der Insel, beziehen wir ein Airbnb mitten im Stadtkern. San Juan und Ponce liegen gerade einmal zwei Autostunden voneinander entfernt, und doch ist hier im Süden so einiges anders: Die drückende Schwüle ist um einige Grade heißer, Moskitos und andere beißende Insekten sind allgegenwärtig, dafür sieht man kaum Touristen. Auch am Strand chillen fast nur Einheimische. Alles in allem scheint es im Süden der Insel bodenständiger zuzugehen. Man ist weitgehend unter sich.
Trotz Hitze und Stechmücken ist Ponce durchaus einen Besuch wert, allein schon wegen des Museo de Arte de Ponce, das anerkanntermaßen die erlesenste Kunstsammlung der Karibik beherbergt, und des eleganten Plaza Las Delicias rund um die Catedral de Nuestra Señora de Guadalupe im historischen Zentrum der Stadt. Neben den aufwendig restaurierten Gebäuden findet sich in den Nebenstraßen allerdings auch viel Zerfall. Die Fassaden im Kolonialstil stehen zwar vielerorts noch, doch dahinter holt sich die Natur ihren Raum zurück. Politische Graffiti zieren leer stehende Häuserblocks. Und auch das 30 Meter hohe Cruceta del Vigía auf einem Hügel oberhalb von Ponce strahlt mit seiner in die Jahre gekommenen Glas-und-Beton-Konstruktion mehr Endlichkeit als Erhabenheit aus. Es fühlt sich an, als ob ein Hauch Morbidität durch die ansonsten für ihre Lebenslust bekannte Karibik zieht; als ob The Cure ein paar Akkorde von A Forest im ansonsten allgegenwärtigen Feeling Hot Hot Hot-Sound der Merrymen untergemischt haben. Das hat was.
Fotowand
Filmtipp für die Sofareise
- Rum Diary
Ein erfolgloser Autor heuert im San Juan der 1960er-Jahre bei einem heruntergewirtschaften Lokalblatt an. Fortan bestimmen Rum, Korruption und Interessenkonflikte sein Leben. Stimmungsvolle, vor Ort gedrehte Verfilmung des autobiographischen Romans von Hunter S. Thompson mit Johnny Depp in der Hauptrolle

