Einmal im Jahr treffen wir uns mit unseren Freunden Will und Kath. Die beiden leben in Tennessee, und da Kalifornien nicht mal eben um die Ecke liegt, wechseln wir uns mit den Besuchen ab. Dieses Jahr sind wir dran. Wir beschließen, für das Wochenende nach Memphis zu fliegen und uns dort zu treffen.
Auf die Stadt war ich schon seit Längerem neugierig. Memphis war der Heimathafen von Elvis Presley und der Tatort, an dem Martin Luther King Jr. erschossen wurde. Soviel weiß ich. Von diesen Eckpunkten abgesehen, habe ich allerdings keine Vorstellung, was wir von der Stadt am Mississippi zu erwarten haben.
“Before Elvis there was nothing.”
Von San Francisco aus gibt es keine Direktflüge nach Memphis. Für Chris und mich geht es daher erst einmal nach Houston, Texas, und von dort dann weiter nach Memphis. Alles in allem sind wir gut sieben Stunden unterwegs. Für unseren Aufenthalt haben wir ein kleines Haus in einer ruhigen Gegend angemietet. Sehr zentral, wie wir feststellen: Die angesagten Bezirke Cooper-Young und Overton Square liegen nahezu um die Ecke, und wir können zahlreiche Bars und Restaurants bequem zu Fuß erreichen. Genau das Richtige nach der langen Reise.
Am nächsten Morgen wecke ich meine Liebste mit einem Becher Kaffee und einem Elvis-Medley (Video), um uns schon mal auf den Tag einzustimmen, der ganz im Zeichen des “King of Rock and Roll” steht. Chris stöhnt laut auf, dreht sich auf den Bauch und vergräbt ihren Kopf tief unter den Kissen.
Ich bin nicht in einem Haushalt aufgewachsen, in dem Elvis den Soundtrack geliefert hat; meine Eltern waren keine ausgewiesenen Elvis-Fans. Klar, ich kenne die meisten seiner Hits und finde einige der Stücke auch gut, kann aber die mitunter apotheotische Verehrung des “King” selbst 40 Jahre nach dessen Tod nicht nachvollziehen. Mein Bild von Elvis ist das einer schwitzenden Rampensau mit epischen Koteletten, Gitarre um den Hals und weißem, mit Glitzersteinen besetztem Hosenanzug. 70er-Jahre Las Vegas halt. Der späte Elvis, so wie er gern von den unzähligen Elvis-Imitatoren gegeben wird. Graceland, sein Anwesen, stelle ich mir dementsprechend auch kitschig und geschmacklos vor. So weit, so ausgeprägt mein Vorurteil.
Doch der Besuch von Graceland ändert meine Sichtweise. Die Tour beginnt mit einem kurzen Dokumentarfilm über Elvis Presley, bevor es zum tatsächlichen Anwesen geht. Sicher, das hier ist Werbung in eigener Sache, und die Biografie ist bestimmt ein wenig glattgebügelt. Der Film bietet dennoch eine gute Zusammenfassung von Elvis’ Leben und Karriere, und es gibt drei Dinge, die mir sehr imponieren: Elvis war nicht nur talentiert, sondern auch ein harter und disziplinierter Arbeiter, dem der Erfolg nicht einfach in den Schoß gefallen ist. Er war entgegen seiner exaltierten Bühnen-Persona im Grunde ein bescheidener Familienmensch. Und er war der vielleicht wichtigste Pionier der musikalischen Popkultur, dessen Einfluss auf junge Musiker weiterhin fortlebt. John Lennon, eine weiterer Ikone der modernen Musikgeschichte, hat das einst sehr schön zugespitzt: “Before Elvis there was nothing”, vor Elvis gab es nichts.
Mit einem Shuttlebus geht es zum Landsitz des “King”. Es ist hilfreich, Graceland im zeitlichen Kontext zu sehen. Nur so wird klar, dass es sich bei den krassen Farben und Formen in einigen der Räume nicht um Exzentrik, sondern einen verbreiteten Ausdruck der (amerikanischen) Wohnkultur der 1970er-Jahre handelt.
Chris und ich sind überrascht, dass Graceland ein verhältnismäßig kleines und bescheidenes Anwesen ist, zumal Elvis hier zusammen mit seinen Eltern, seiner Großmutter und der eigenen Familie lebte. Ein Mehrgenerationenhaus sozusagen. Die Tour führt durch das Haupthaus, am Pool vorbei in den Meditationsgarten, in dem Elvis beigesetzt wurde. Neben ihm liegen seine Eltern und seine Großmutter. Das Grab ist mit Blumen geschmückt, und ich bin emotional berührt, als ich schließlich davor stehe. Elvis Presley ist nur 42 Jahre alt geworden.
“I may not get there with you.”
Noch drei Jahre jünger war Martin Luther King Jr., als er vor seinem Zimmer mit der Nummer 306 im Lorraine Motel am 4. April 1968 erschossen wurde. Das Motel gibt es noch immer, es ist allerdings zum National Civil Rights Museum umgewidmet worden, das die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner auf eindringliche und erschütternde Weise dokumentiert. Die Geschichte ist geprägt von Rassismus, Hass und Gewalt, die von Teilen des weißen Amerikas ausgehen, und leider aktueller denn je: Demonstrierten 1968 afroamerikanische Arbeiter unter dem Motto “I Am a Man” für ihre Würde, ziehen heute, 50 Jahre später, erneut Demonstranten durch die Straßen, diesmal mit der Parole “Black Lives Matter”. Und für die derzeitige Führung im Weißen Haus scheint es keine Priorität, die gesellschaftliche Spaltung zu kitten und die sozialen Spannungen zu befrieden.
Mittlerweile ist unser Freund Will in Memphis eingetroffen. Gemeinsam sehen wir uns die hervorragend kuratierte Ausstellung im Museum an. Bedrückender Endpunkt ist das Motelzimmer, in dem Martin Luther King Jr. übernachtet hat und vor dem er ermordet wurde. Am Vortag seines Todes hat King im Mason Temple in Memphis seine letzte Ansprache gehalten. Darin bezog er sich auch auf Todesdrohungen, die er erhalten hatte, und zwar mit einer Wortwahl, die seinen bevorstehenden Tod fast schon prophetisch vorwegzunehmen schien, aber auch bekräftigte, dass er keine Angst hatte zu sterben:
I’ve seen the Promised Land. I may not get there with you. But I want you to know tonight, that we, as a people, will get to the Promised Land. So I’m happy, tonight. I’m not worried about anything. I’m not fearing any man. Mine eyes have seen the glory of the coming of the Lord.
Ich habe das verheißene Land gesehen. Ich werde es vielleicht nicht gemeinsam mit euch erreichen. Aber ich möchte, dass ihr heute Abend wisst, dass wir als Volk in das verheißene Land gelangen werden. Daher bin ich glücklich heute Abend. Ich mache mir keine Sorgen um irgendetwas. Ich fürchte niemanden. Meine Augen haben die Herrlichkeit der Ankunft Gottes gesehen.
Puh! Das geht einem ganz schön an die Nieren. Mit einer Mischung aus Trauer, Wut auf alle rassistischen Arschlöcher und Unmut wegen meiner eigenen Passivität, verlasse ich das Museum. Und es sieht ganz so aus, dass es nicht nur mir so geht; auch Chris und Will wirken bedrückt. Wir beschließen daher, den Tag mit etwas Erbaulichem ausklingen zu lassen, und zwar auf der Dachterrasse des Madison-Hotels, mit einem Drink in der Hand und einem wunderschönen Sonnenuntergang hinter dem Mississippi.
“If you’re not doing something different, you’re not doing anything.”
Am nächsten Tag überqueren wir den Fluss und spazieren von Tennessee nach Arkansas. Mit rund eineinhalb Kilometern Länge ist die Big River Crossing die längste Fußgängerbrücke über den Mississippi. Auf der Arkansas-Seite ist bis auf ein paar Dixi-Klos allerdings nicht viel zu sehen. Also drehen wir um.
Ein weiterer Erkundungsgang in Sachen Musikgeschichte führt uns in das Sun Studio, das legendäre Aufnahmestudio von Sam Phillips, durch den nicht nur Elvis Presley seinen Karrieredurchbruch hatte, sondern auch spätere Rock-‘n’-Roll- und Country-Größen wie Jerry Lee Lewis, Carl Perkins, Roy Orbison und Johnny Cash (alles Videos). Hier entstand auch 1956 als Ergebnis einer spontanen Jam-Session von Presly, Lewis, Perkins und Cash das wegweisende Album The Million Dollar Quartet. Ihr aller Erfolg wäre ohne Sam Phillips’ lenkende Hand nicht denkbar und ohne seinen treibenden Anspruch: “If you’re not doing something different, you’re not doing anything”, wenn du nicht irgendetwas anders machst, machst du gar nichts.
Und dann darf ein Abstecher in die Beale Street nicht fehlen – Blues, Bier und Barbecue, am besten alles gleichzeitig. B. B. King und andere Blues-Größen entwickelten hier von Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts einen eigenen Stil, den sogenannten Memphis Blues. Heutzutage ist der touristische Beal-Street-Bezirk eine der Hauptattraktionen von Memphis mit zahlreichen Live-Musik-Bars, Restaurants und Krimskramsläden. Das ist jetzt nicht so unser Ding, und wir machen uns stattdessen auf den Weg nach Murfreesboro, wo Wills Frau Kath bereits auf der Veranda mit einem guten Tennessee-Whiskey auf die Reisenden wartet.
Fotowand
Filmtipps für die Sofareise
- Walk the Line
Die Lebensgeschichte von Johnnie Cash (der das Drehbuch verfasste), von den schwierigen Anfängen bis zu den Erfolgen bei Sun Records. Authentisch gespielt von Joaquim Phoenix. Der Oscar ging allerdings an Reese Witherspoon in der Rolle von Cashs Ehefrau June Carter - Hustle and Flow
In einem Armenviertel von Memphis hält sich DJay als Zuhälter und Kleindealer über Wasser. Als er sein Talent als Rapper entdeckt, sieht er eine Chance aus dem Milieu auszusteigen. Gut gespieltes Drama. Oscar für den besten Song - Forty Shades of Blue
Eine junge Russin verliebt sich in den Sohn aus einer früheren Beziehung ihres wesentlich älteren Mannes. Stimmungsvoll fotografiertes, hervorragend gespieltes Drama. Gewinner des Jury-Preises des Sundance Film Festivals - Mystery Train
Eine Nacht in Memphis, drei Geschichten. Lose verbunden werden sie in einem heruntergekommenen Hotel und durch den Geist von Elvis. Lakonisches, gut beobachtetes und pointiert erzähltes Indie-Kino. Jim Jarmusch halt

Spannende Geschichte! Die Musik von Elvis war/ist auch nicht so das Meine, aber seinem Film “Kid Galahad” würde ich jederzeit Kultstatus einräumen. Meine Mutter mochte ihn als Teenager, was für meinen Großvater 1960 schlicht skandalös war…
Hi Andi, toller Bericht. Ich habe dieses Jahr die Biographie von Bruce Springsteen gelesen, und auch da angefangen zu erahnen, was Elvis bedeutet hat! Lesenswertes Buch übrigens mit einigen Episoden in San Franciso. Gruß Bob