Und auf einmal hohe Berge

Mekka für Landschaftsmaler: Gestochen scharf spiegeln sich die Tetons im sanft dahinfließendem Snake River

Mekka für Landschaftsmaler: Gestochen scharf spiegeln sich die Tetons im sanft dahinfließendem Snake River

Diejenigen unter uns, die ein wenig Französisch sprechen, haben sicher bereits in sich hinein gelacht oder die Stirn gerunzelt. Ja, Grand Teton ist französisch und bedeutet nichts anderes als, um es einmal weniger derb auszudrücken, “riesige Brust”. So jedenfalls haben die französischen Pelzjäger, die vor mehr als 200 Jahren durch diesen Landstrich Wyomings gezogen sind, das interpretiert, was sie da steil vor sich aufragen sahen. Monate voller Entbehrung in der Wildnis hatten wohl die Fantasie beflügelt. Schwuppdiwupp, schon hatte der Gebirgszug seinen Namen weg – die Tetons. Mittendrin, mit einer Höhe von rund 4200 Metern, die Grand Teton.

Eine riesige Brust im prüden Amerika? Wie geht das denn? Ich vermute mal, dass die meisten Amerikaner aus Mangel an Fremdsprachenkenntnissen den anatomischen Bezug nicht herzustellen vermögen, und der Name für den Nationalpark daher durchgegangen ist. Ich kann mir allerdings auch gut vorstellen, dass der Angestellte der Nationalparkbehörde, der für die Benennung des Parks zuständig war, einfach nur mit den Augen gerollt und gedacht hat: “Oh well, diese Franzosen. Was soll man machen…” Und dann den offiziellen Stempel unter den Namen gesetzt hat.

Das etwas andere Gebirge

Grand-Teton-Nationalpark

Der Grand-Teton-Nationalpark fügt sich fast nahtlos an den südlichen Bereich von Yellowstone an. Kaum haben wir den einen Park verlassen, passieren wir auch schon den Eingang zum nächsten. Und doch ändert sich die Landschaft gravierend; urplötzlich ragt aus der flachen Landschaft eine alpine Gebirgskette auf. Und genau das ist das Besondere der Tetons: Normalerweise führt das Aufeinanderprallen von tektonischen Platten zu Verwerfungen, die einen graduellen Aufbau eines Gebirgen zur Folge haben: Flachland, Hügellandschaft, Vorberge, Hochgebirge. Aber nicht hier. Die Tetons sind entstanden, indem sich eine Erdplatten unter eine andere schob und diese in einem derartigen Winkel hat aufsteigen lassen, dass sogleich ein schroffes Felsengebirge gebildet wurde, ohne Hügel oder Vorberge.

Wir beziehen Quartier im hippen Anvil Hotel in Jackson, einem kleinen, charmanten Ort, der volles Pfund mit seinem Westernimage wuchert. Neben zahlreichen Outdoor-Ausstattern und Fashion-Boutiquen, Postkutschen und Saloons, findet sich hier auch so manches ausgezeichnete Restaurants. Aufgrund seiner zentralen Lage ist Jackson das Einfallstor in den Grand-Teton-Nationalpark.

Blick über den Jackson Lake auf die TetonsIm Vergleich zum gewaltigen Yellowstone-Park ist Grand Teton geradezu überschaubar. Folgt man der Teton Park Road, die weitgehend parallel zum Gebirgszug verläuft, hat man bereits nach wenigen Stunden die wichtigsten Eindrücken gewonnen. Touristisches Herzstück des Parks ist die Seenlandschaft um den Jackson Lake, Leigh Lake und Jenny Lake, die zu jeglicher Form von Wasseraktivität einladen. Von hier aus führen auch zahlreiche idyllische Wanderrouten in die Tetons. Da sind wir natürlich mit von der Partie. Die Sache ist nur, wenn man im Gebirge unterwegs ist, kann man nicht aufs Gebirge schauen.

Cowboy für einen Tag

Wir beschließen daher, unseren Besuch abzurunden, indem wir einen Ausritt in den Bridger-Teton National Forest buchen. Die Tour zählt zu den schönsten Geländeritten der USA, unter anderem, weil man vom Bergkamm aus eine atemberaubende Panoramasicht auf die Tetons haben soll. Und schließlich sind wir im Cowboy-Staat Wyoming unterwegs; da gehört ein Ausflug zu Pferd natürlich zum Pflichtprogramm.

Aufstieg zum Bergkamm des Bridger-Teton National ForestNun ist es so, dass ich seit Jahre nicht im Sattel gesessen habe. Aber ist das mit dem Reiten nicht so wie mit dem Radfahren? Einmal gelernt, vergisst man es nicht wieder? Wollen wir’s mal hoffen. Komisch nur, dass hier keiner aus der Gruppe eine Reitkappe trägt und vor uns 600 steile Höhenmeter liegen. Da ich nicht als deutscher Bedenkenträger auftreten möchte, verkneife ich mir einen Kommentar. Andere Staaten, andere Sitten. Und immerhin habe ich ja meine Basecap auf.

Chancy Wheeldon ist Eigentümer der Mill Iron Ranch und unser Wanderführer; ein waschechter Cowboy, wie er der Serie Western von gestern (Video) entsprungen sein könnte. Mit kauzigem Humor und fachkundigen Hinweisen (so wissen wir endlich, wo Harrison Ford seine Ranch hat) führt uns Chancy auf schmalen Pfaden durchs Gelände. Als wir nach etwa eineinhalb Stunden den Bergsattel erreichen, müssen wir allerdings feststellen, dass die Aussicht arg beeinträchtigt ist. Eine Dunstglocke liegt über den Bergen, verursacht durch Waldbrände im Nachbarstaat Montana, wie Chancy erklärt. Nur schemenhaft sind die Tetons in der Ferne auszumachen. Wir trösten uns damit, dass wie so oft im Leben der Weg das Ziel ist.

Digitales Fasten

Keine Frage, unsere Auszeit in der Natur von Yellowstone und Grand Teton hat uns so richtig gutgetan und Körper und Geist erfrischt. Innensicht statt Internet. Sinnigkeit statt soziale Medien. Erfahrungen statt E-Mails. Wo es schlicht und einfach keine Verbindung zur Außenwelt gibt, schwindet auch schnell das schlechte Gewissen, nicht rund um die Uhr erreichbar zu sein. Das ist dann eben so, und das ist auch mal gut so.

Fotowand

Filmtipp für die Sofareise

  • Brokeback Mountain
    Wyoming in den 1960er-Jahren. Die Cowboys Jack und Ennis lernen sich kennen und lieben. Über die nächsten 20 Jahre verbindet sie eine romantische Beziehung, die sie allerdings vor ihren Familien und einer homophoben Gesellschaft geheim halten müssen. Sensibles, Oscar-gekröntes Drama von Ang Lee

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