Mount Rainier

Bei klarem Wetter bietet der High Rock Lookout eine der spektakulärsten Aussichten auf den Mt. Rainier

Felsen mit Aussicht: Bei klarem Wetter bietet der High Rock Lookout einen spektakulären Blick auf den Mt. Rainier

“Hmm, das habe ich mir jetzt anders vorgestellt”, murmel ich vor mich hin, als wir am Einstieg zum Pinnacle Peak stehen. Die Markierung ist gerade noch zu erkennen, ragt sie doch ein wenig aus dem fast einen Meter hohen Schnee heraus. Der Weg selbst ist nicht klar auszumachen. Ich wende mich meiner Liebsten zu: “Sollen wir trotzdem einfach mal losmarschieren?”
“Und in welche Richtung?”
“Eigentlich geht’s ja nur gerade nach oben.” Ich kneife die Augen zusammen, blinzele in die Sonne und zeige mit dem Wanderstock Richtung Bergsattel.
“Ja, lass es uns probieren.”
Und so stapfen wir los. Der leicht vereiste Schnee knirscht unter unseren Schuhen, als wir uns Schritt für Schritt unseren Weg zum Gipfel bahnen.

Der Winter war in diesem Jahr an der Westküste härter ausgefallen als die Jahre zuvor. Härter bedeutete für uns in der San Francisco Bay Area mehr Regen. Und der war bitter nötig, denn seit einiger Zeit schon befanden wir uns in einer Dürreperiode. In der Sierra Nevada und hier in den Südkaskaden im Bundesstaat Washington bedeutete härter mehr Schnee. Viel mehr Schnee. So viel Schnee, dass die Wanderwege, die Ende Juni normalerweise offen sind, noch immer unter einer meterhohen Schneedecke verborgen liegen. Ich finde das klasse, denn es ist eine Ewigkeit her, dass ich das letzte Mal Schnee in alpinen Höhen erlebt habe. Und dann auch noch bei Kaiserwetter!

Die Gelegenheit, für ein paar Tage in den Mount-Rainier-Nationalpark zu fahren, hat sich ergeben, da ich zu einer Konferenz nach Seattle eingeladen wurde. Schon bei unserem ersten Besuch vor drei Jahren (siehe Blogeintrag Come As You Are) hat uns der gewaltige, knapp 4400 Meter hohe Mount Rainier in den Bann geschlagen, als wir ihn im Anflug auf Seattle zum ersten Mal sahen, wie er majestätisch über der dichten Wolkendecke thronte. Wir hatten es bisher allerdings nicht geschafft, den Nationalpark zu besuchen, der rund 90 Kilometer südöstlich von Seattle liegt. Doch dieses Mal haben wir unsere Wanderschuhe und -stöcke eingepackt.

Nach etwa einer Stunde stetigen Bergangehens machen wir unsere erste Rast. Wir hocken uns auf einen knorrigen Ast und genießen die Aussicht und die Stille.
“Weiter?”
“Weiter!”
Eine gute halbe Stunde später geraten wir an einen vereisten Steilanstieg. Wir versuchen unser Glück, doch es ist eine Strapaze; immer mal wieder versagt der Tritt, und wir rutschen ein Stück den Hang hinab. Und dass das Eis durch die Sonnenstrahlen angetaut ist, macht das Vorwärtskommen auch nicht einfacher. Langsam, Schritt für Schritt, arbeiten wir uns den Hang hinauf, bis wir schließlich ein Plateau erreichen. Von hier aus haben wir eine atemberaubende Sicht auf das gewaltige Massiv des Mount Rainier und die noch zugefrorenen Reflection Lakes, in denen sich bei Sommerwetter der Berg eindrucksvoll spiegeln soll. Zum Bergkamm ist es allerdings noch ein Stück, und wir sehen ein, dass wir für eine Schnee- und Eiswanderung nicht richtig ausgerüstet sind, zumal wir den ganzen Weg auch wieder absteigen müssen. Wir beschließen daher umzukehren und weiter unten im Park einen anderen Trail zu gehen. Diesmal frei von Schnee und Eis.

Bevor es am nächsten Tag zurückgeht nach Seattle, unternehmen wir eine letzte Tour – ein “Geheimtipp”, wie es im Wanderführer verheißungsvoll steht, da der Pfad außerhalb des Nationalparks liegt. Und in der Tat, um zum Einstieg zu gelangen, fahren wir mit dem Auto erst einmal 25 Kilometer auf holprigen Schotterwegen durchs Dickicht. Dann geht es weiter zu Fuß, knapp eineinhalb Stunden steil bergan. Und das bei hochsommerlichen Temperaturen um die 30 Grad. Abgekämpft erreichen wir den High Rock Lookout mit seiner vom Wetter gezeichneten Schutzhütte. Die Anstrengung hat sich gelohnt: Vom Gipfel aus bietet sich uns ein spektakulärer Panoramablick auf die Kaskadenkette mit dem Mount Rainier als herausragender Landmarke. Wir lassen die grandiose Aussicht lange auf uns wirken, eher wir uns an den Abstieg machen.

Fotowand

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