Keine Stadt in den USA repräsentiert so sehr den Aufstieg und Fall der amerikanischen Mittelschicht wie Detroit, Michigan. Anfang der 1930er-Jahre war Detroit die am schnellsten wachsende Stadt der Welt. Ein halbes Jahrhundert später scheint die Stadt am Verschwinden und wirkt in weiten Teilen, als hätte die Zombie-Apokalypse bereits stattgefunden.
Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus geschichtlichem Interesse und Faszination für urbane Verfallsästhetik, dass Detroit schon seit Langem auf meiner Liste der zu erkundenden Städte steht. Als es mich dann wieder beruflich in den Mittleren Westen verschlägt, hänge ich kurzerhand ein Wochenende in Detroit an, um mir die Stadt endlich anzusehen. Vor aufgehender Sonne und bei milden 18 Grad verlasse ich San Francisco. Fünf Stunden später lande ich in Detroit – bei Schneegriesel und knackigen Temperaturen um den Gefrierpunkt. Gut, dass ich meinen Parka mit Fellrandkaputze eingepackt habe.
Die Straßenverhältnisse scheinen mir nicht ideal für den gebuchten Kleinwagen koreanischer Bauart, und ich upgrade zu einem Jeep Compass mit Allradantrieb. Passt ja auch besser zur Autostadt Detroit. Zufrieden drehe ich den Zündschlüssel, stelle die Heizung hoch und die Scheibenwischer auf Intervall.
Ich checke in einem auf hip getrimmtem Motel in Corktown ein, dem irisch geprägten Stadtteil Detroits. Da heute St. Patrick’s Day ist, herrscht in allen Bars und Restaurants der Gegend Ausnahmezustand, und ich werde mehrfach gezwickt, weil ich es versäumt habe, etwas Grünes an mir zu tragen, wie es das Brauchtum verlangt. Wieder etwas gelernt.
Motor City
Die nächsten zwei Tage erlebe ich die vielfältigen Facetten der Stadt. Ich besuche die historische Piquette Avenue Plant, Henry Fords erste Produktionsstätte von 1904. Hier ist die Geburtsstätte des legendären Modell T, des ersten Automobils, das für die breite Bevölkerung erschwinglich war und dadurch der Autoindustrie zum Durchbruch verhalf und Detroit zum industriellen Mekka der USA machte. Nun bin ich weiß Gott kein Autonarr, doch als ich durch die kalten Hallen schlendere mit den aufgereihten Museumsstücken und mir ein Dozenten enthusiastisch und voller Anekdoten die Geschichte der Autoindustrie und dem damit einhergehenden Aufstieg der Stadt erzählt, bin ich begeistert dabei.
Die drei großen Autobauer, Ford, General Motors und Chrysler, sorgten dafür, dass aus Detroit “Motor City” wurde, die Automobil-Hauptstadt der Welt. Es gab Arbeit und Wohlstand und eine ausgeprägte Mittelschicht, die den amerikanischen Traum vorlebte. Zu Hunderttausenden zogen weiße und schwarze Arbeiter aus den Südstaaten in die boomende Metropole im Norden des Landes, um an dem Wirtschaftserfolg teilzuhaben. In den 1950er-Jahren wuchs Detroit auf über 1,8 Millionen Einwohner und damit zur fünftgrößte Stadt der USA.
Rund zehn Jahre später wendete sich allerdings das Blatt, und die Stadt geriet in eine Abwärtsspirale: Rassenunruhen zerstörten ganze Viertel. Die Ölkrisen der 1970er-Jahre sorgten für eine zunehmende Nachfrage nach Benzin sparenden Autos aus Japan. Werksschließungen und Massenentlassungen waren die Folge. In den 1990er-Jahren, als das Benzin wieder billig war, gab es zwar einen kleinen Aufschwung, doch die Hypothekenkrise von 2007 ließ Detroit endgültig in den Abgrund stürzen. Kriminalität und Gewalt, besonders in den ärmeren Vierteln, bewegten sich auf einem Allzeithoch. Zigtausende verließen ihre Häuser und zogen weg. Die ausbleibenden Steuern wiederum führten zu baulichem Verfall, dem Zusammenbruch der Infrastruktur und 2013 schließlich in den Bankrott.
Kunst aus der Asche
Das sogenannte Heidelberg Project ist ein großflächiges Projekt, das der Künstler Tyree Guyton vor mehr als 30 Jahren ins Leben gerufen hat als Reaktion auf die Verwahrlosung und zunehmende Kriminalität in Detroits Randbezirken. Viel scheint sich in der Zwischenzeit nicht verändert zu haben: Der Weg zur Heidelberg Street führt mich durch ein nahezu entvölkertes Viertel mit niedergebrannten Gebäuden, einer verlassenen, verbarrikadierten Schule und leer stehenden, geplünderten Häusern. Als ich aussteige, um ein paar Fotos zu schießen, ist mir schon etwas mulmig zumute. Und das, obwohl weit und breit niemand zu sehen ist.
Auf den ersten Blick wirkt das Heidelberg Project, als hätte ein Riese haufenweise Spielsachen und sonstigen Krimskrams über die enorme Fläche eines ganzen Straßenblocks ausgekippt. Ratlos stehe ich davor und versuche, Sinn in das Ganze zu bringen. Schwierig.
Doch ich habe das Glück, auf den Initiator dieser gigantischen Freiluftinstallation zu treffen. Ich spreche den inzwischen über 60-jährigen Tyree Gutyon an und werde sogleich mit einer Unzahl an Fragen konfrontiert: Wer ich denn sei? Warum ich hier sei? Was ich gegen die gesellschaftliche Ungleichheit täte? Langsam kommen wir ins Gespräch, und nach anfänglichem Stottern entspinnt sich ein inspirierender, tief gehender Dialog.
Zugegeben, Tyrees Gedankengängen ist nicht immer leicht zu folgen, doch mir wird klar, dass ich hier gerade von einem Augenzeugen den Fall Detroits nahegebracht bekomme: die Rassenunruhen der späten 1960er-Jahre, der Verfall einst bürgerlicher Nachbarschaften, der Einzug von Kriminalität und Gewalt, der städtisch angeordnete Abriss von Häusern und die zahllosen Brandstiftungen, für die nie jemand zur Rechenschaft gezogen wurde. Das Heidelberg Project ist Tyrees Reaktion auf die Unbill der Zeit, seine “Medizin”, wie er sagt, gegen die Hoffnungslosigkeit und der Versuch, durch die Kunst, neue soziale Gemeinschaften zu bilden. Vor diesem Hintergrund scheint mir seine Frage, was ich denn gegen die gesellschaftliche Ungleichheit täte, gerechtfertigt. Und ich schäme mich im Stillen dafür, darauf keine klare Antwort zu haben.
Zombie-Apokalypse
Noch unmittelbarer erlebe ich den Zerfall, als ich mich am nächsten Tag Jesse Welter anschließe, der kleine Gruppen von Fotografen durch verlassene Gebäude führt. Jesse ist Mitte 40, in Detroit geboren und aufgewachsen und selbst Fotograf. Er macht keinen Hehl daraus, dass das, was wir tun, trespassing sei, also ein illegales Betreten von Grundstücken. Mit Polizei sei nicht zu rechen, erklärt er, die hätten ganz andere Sorgen. Falls allerdings dennoch eine Polizeistreife oder ein Sicherheitsdienst auftauchen sollte, mögen wir ihm das Reden überlassen. Ach ja, und am besten nichts berühren. Von wegen Asbest und so. Auch könnte es sein, dass wir auf sogenannte scrapper treffen, Diebe, die die Gebäude ausweiden und das geklaute Kupfer und Metall auf dem Schwarzmarkt verhökern. In diesem Fall empfiehlt Jesse, keine Fotos von den Personen zu machen. Ansonsten einfach ruhig weiterstöbern.
Und so stöbern wir los. Unser erster Stopp ist ein ehemals prächtiger Schulbau aus der vorletzten Jahrhundertwende. Danach betreten wir eine ehemalige Radiostation, von der Jesse uns erzählt, dass sie erst vor ein paar Wochen verlassen wurde. Und so sieht es innen auch aus: als hätte ein radioaktiver Blitz lediglich die Menschen aus dem Bild ausradiert. Die ganzen Instrumente und Gerätschaften, die Akten und Tonträger sind weitgehend noch immer da, wo sie waren. Auch die Decken und Wände sind von den Metalldieben noch nicht aufgerissen. Ein beklemmendes Gefühl.
Wir spazieren durch menschenleere Viertel. Die Häuser sind geplündert oder zugemauert. Insgesamt sollen rund einhunderttausend Häuser und Grundstücke verlassen sein – das entspricht einer mittelgroßen deutschen Stadt. Die Statistik ist erschreckend: In den vergangenen 50 Jahren ist Detroit um mehr als 60 Prozent von 1.8 Millionen auf weit unter 700.000 Einwohner geschrumpft. Um die insolvente Stadt für junge Unternehmen und Investoren wieder attraktiv zu machen, hat die Verwaltung ein in seiner Form wohl einmaliges urbanes Verdichtungskonzept entwickelt: Über die nächsten zehn Jahre sollen ein Großteil der verlassenen Häuser abgerissen und die Grundstücke in Farmland umgewidmet werden. Bewohner in dünn besiedelten, von der Infrastruktur abgeschnittenen Vierteln werden gebeten, in stärker besiedelte Gegenden umzuziehen. Dass dies nicht ohne Widerstand ablaufen wird, dürfte klar sein.
Als nächstes stehen auf Jesses Programm eine verfallene Werkanlage, eine Kirche samt Schule sowie eine ehemalige Motorenfabrik. Aus den gebuchten vier Stunden werden sieben Stunden, in denen wir von baulichem Verfall umgeben sind. Ich merke, wie mir die Trostlosigkeit und Traurigkeit der einst stolzen Gebäude so langsam aufs Gemüt schlagen und bin erleichtert, als wir endlich in die Auffahrt zu Jesses Fotostudio einbiegen. Jetzt brauche ich einen starken Kaffee. Das Gesehene und Erlebte muss erst einmal sacken.
Silberstreif
Doch nicht alles in Detroit ist doom and gloom, gräulich und abscheulich. Die Lebenskosten sind extrem günstig, und es ist daher kein Wunder, dass es eine junge Kreativszene hierher verschlägt und im Stadtkern improvisiert-schicke Restaurants, Bars und Clubs in die verlassenen Gebäude einziehen. Ein wenig erinnert mich die Szene an das Berlin der 1990er-Jahre. Anything goes!
An der Bar des Gold Cash Gold, einem ehemaligen Pfandhaus, wie der Name verrät, komme ich mit Samantha Schefman ins Gespräch. Wie es der Zufall will, ist Samantha in der Kunstbranche tätig. Ihre Firma Playground Detroit ist darauf spezialisiert, Künstler, Galeristen und Sammler aus New York City für Detroit zu interessieren und die Stadt als City of Art and Design zu etablieren. Wir unterhalten uns über Tyree Guyton und sein Heidelberg-Projekt, die beeindruckende Sammlung des Detroit Institute of Arts und die aufkeimende Galerienlandschaft der Stadt. Schade nur, dass ich schon am nächsten Tag nach Milwaukee weiterfliege und mir keine Zeit bleibt, die neue Kunst der Stadt zu erkunden.
Neben der Kreativszene haben sich Manufakturen wie Shinola gegründet, die sich das Malocher-Image der Stadt und das Gütesiegel Made in Detroit, USA stolz zu eigen machen und hochwertige, stilvolle Waren produzieren. Kein Zweifel, die Ansätze sind da, um Detroit wiederzubeleben. Ob es allerdings zu einer nachhaltigen Renaissance der einstigen Industriemetropole reicht, wird allein die Zukunft zeigen.
Fotowand
Filmtipps für die Sofareise
- 8 Mile
Ein talentierter junger Rapper aus ärmlichen Verhältnissen versucht, in der Musikindustrie Fuß zu fassen. Fesselndes Drama mit einem authentischem Eminem, der hier seine persönliche Geschichte erzählt. - Detropia
Hochinteressante Dokumentation, die erläutert, wie Rassenunruhen, Regierungsfehler und finanzielle Probleme Detroit in einen Teufelskreis aus baulichem Verfall, Gewalt und einer zusammenbrechenden Infrastruktur geworfen haben.



Hallo Andreas,
ein toller Beitrag über Detroit, vielen Dank!