Goldener Januar

Anschneiden der Hochzeitstorte: Auch nach 50 Jahren machen Doris und Harry eine gute Figur

Anschneiden der Hochzeitstorte: Auch nach 50 Jahren machen Doris und Harry eine gute Figur

Echt jetzt? Das ist die typische Reaktion, die wir erhalten, wenn wir erzählen, dass wir im Januar nach Deutschland reisen. Tja, was soll man da sagen? Im Grunde haben sie ja Recht: Januar und Februar sind nicht gerade besonders tolle Reisemonate. Doch es ist nun mal so, dass sich meine Eltern Mitte Januar das Jawort gegeben haben – vor 50 Jahren! Und das muss man dann doch schon mal feiern.

Randy und Maurice besuchen für die Zeit unserer Abwesenheit ein Wellness-Resort mit Rund-um-die-Uhr-Futter-Spiel-und-Kuschelservice in Half Moon Bay. Okay, sie sind bei Freunden, aber so haben wir es den beiden verkauft. Und dann sitzen meine Süße und ich auch schon, kaum dass das neue Jahr begonnen hat, im Flieger nach Berlin.

Upper West und alter Fritz

Ja, Berlin. Ich will es nicht leugnen, immer wenn ich im Anflug auf die Stadt bin, geht mir das Herz auf. Und immer, wenn ich im winzigen Terminal des sichtbar überlasteten Flughafens Tegel auf mein Gepäck warte, fühle ich mich, wie endlich wieder zu Hause angekommen. Ich frage mich, ob dieses Gefühl jemals verschwinden wird, oder ob ich wie einst Marlene Dietrich noch einen sprichwörtlichen Koffer in Berlin habe. Dann rollen unseren realen Reisekoffer auf dem Band um die Kurve und reißen mich aus meinen Gedanken.

Die kommenden drei Tage sind wir gut unterwegs: Wir schauen uns an, was sich im Westen der Stadt, unserem alten Kiez, so tut; das Upper West etwa oder das Bikini Berlin. Wir besuchen Freunde in Potsdam und bummeln bei Schnee und Eis durch den Park Sanssouci. Wir sehen uns die Retrospektive von Cornelia Schleime in der Berlinischen Galerie an, flanieren durchs Scheunenviertel und kehren auf ein Tagesgericht bei Monsieur Vuong ein. Wir graben uns in den Kunstbuchhandlungen der Stadt ein, freuen uns über die bequemen öffentlichen Verkehrsmittel und genießen Cocktails mit Freunden. Schneller als uns lieb ist, geht es dann aber auch schon weiter mit dem Zug nach Hannover, wo wir von Christinas Eltern herzlich in Empfang genommen werden.

Plattes Land und Welfen-Adel

Nach der Großstadt erleben wir hier im Süden Hannovers ein ruhiges Kontrastprogramm bei Kaffeeklatsch und Käseplatte mit der Familie und Chris’ alten Freundinnen. Bei einem Lauf auf eisigen Feldwegen sowie einem Ausflug zur nahe gelegenen Marienburg, die mit ihren Zinnen und zahlreichen Türmchen problemlos als Vorlage für ein Disney-Schloss herhalten könnte, lassen wir uns die klare, frische Winterluft um die Nase wehen, wie ich sie seit langem nicht erlebt habe. Ich atme tief ein und freue mich. Manchmal sind es die unscheinbaren Dinge im Leben, die überraschend eine große Wirkung erzielen.

50 Jahre Doris und Harry

Nächste Station: Lüneburg, meine Heimatstadt. Die Tage hier sind von morgens bis abends straff durchgetacktet; Familie, Freunde, Patenkinder – das volle Programm. Den Höhepunkt stellt die goldene Hochzeitsfeier meiner Eltern, Doris und Harry, dar, die wir im stilvollen Ambiente des Michelin-gelisteten Restaurants Canoe zelebrieren.

50 Jahre Ehe, das ist schon eine reife Leistung. Wir ziehen den Hut und stoßen gern darauf an. Das ist aber auch ein untrügliches Indiz dafür, dass wir alle in die Jahre gekommen sind, und als wir uns gegenseitig Anekdoten aus der Vergangenheit erzählen, legt sich mitunter ein Schimmer Nostalgie über die Gespräche. Dabei ist es schön, endlich einmal wieder die versammelte Familie zu sehen und sich auszutauschen. Aber natürlich reicht die Zeit hinten und vorn nicht aus, um allen alles zu erzählen.

Und dann heißt es auch schon wieder Abschied nehmen. Doris und Harry chauffieren uns zum Flughafen Hamburg, der neuerdings Hamburg Airport “Helmut Schmidt” heißt; vermutlich als politisches Gegengewicht zum Münchner Flughafen “Franz Josef Strauß”. Ein letztes Kaffeetrinken, eine letzte Umarmung, dann verschwinden Chris und ich in den Sicherheitsbereich. Heimlich wische ich mir eine Träne von der Wange.

Fotowand

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