Auf Achse II

Philadelphia von oben: Von der Turmspitze des Rathauses grüßt die riesige Statue von Stadtgründer William Penn

Philadelphia von oben: Von der Turmspitze des Rathauses grüßt die riesige Statue von Stadtgründer William Penn

Noch einmal packe ich meinen Trolley und fliege für ein Projekt an die Ostküste. Diesmal geht es nach Connecticut, New Jersey und Pennsylvania. Wie schon im April (siehe Blogeintrag Auf Achse) werden es anstrengende Tage: zwölf Stunden Forschungsarbeit im Laden und im Anschluss noch zweieinhalb Stunden Fahrt bis zum nächsten Ort. Viel klimatisierte Luft, wenig Schlaf …ja, ich muss zähneknirschend eingestehen, dass ich keine zwanzig mehr bin.

Pferde und Bullen

Wenigstens die Zeit auf der Straße wird meiner Kollegin und mir versüßt, als wir statt des gebuchten Mittelklassewagens zu unserer Überraschung einen schnittigen Ford Mustang erhalten. So lassen sich die nächtlichen Nebenstraßen Neuenglands stilvoll bewältigen – wenn bloß nicht überall Rehe und Füchse herumspringen würden.

Auch die Polizei scheint auf Mustang-Fahrer anzuspringen. Automobiles Profiling? Wie sonst kann es sein, dass wir in tiefschwarzer Nacht auf einer verlassenen Landstraße mitten im Nirgendwo angehalten werden? Ich zucke erschreckt zusammen, als hinter mir die typische Polizeisirene aufheult, und in der Dunkelheit ein Feuerwerk aus roten, weißen und blauen Lichtern explodiert.

Okay, Fenster runter, und die Hände ans Lenkrad. Wie gelernt. Im Seitenspiegel sehe ich, wie sich der Beamte, Maglite in der erhobenen Hand, dem Mustang nähert. Er beugt sich zum Fenster herunter und wirkt ein wenig erstaunt, als er uns erblickt. Es scheint mir, als habe er am Steuer einen hitzigen Jungspund erwartet und keinen gestandenen Mittvierziger. Mit betont deutschem Akzent frage ich höflich, warum wir denn angehalten wurden. Ihm wäre aufgefallen, dass wir die Mittellinie zweimal leicht überfahren hätten. Als mögliche Erklärung hierfür schiebt er sogleich nach, dass das ja durchaus vorkommen könne, etwa wenn man einen Radiosender einstelle oder im Gespräch vertieft sei. Ich bestätige, dass wir im Gespräch vertieft waren. Er schaut sich meinen Führerschein an, fragt zwei, drei Fragen und wünscht uns dann eine gute Weiterfahrt. Bis zu unserem Hotel in New Jersey sind es noch eineinhalb Stunden.

Stadt der brüderlichen Liebe

Nach drei sehr langen Tagen fliege ich von Philadelphia zurück nach San Francisco. Der Flug geht allerdings erst am späten Nachmittag, so dass ich einen halben Tag Zeit habe, die geschichtsträchtige Stadt ein wenig zu erkunden.

1776 wurde in Philadelphia die Unabhängigkeitserklärung, elf Jahre später die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika unterzeichnet. Bevor Washington erbaut und zur Hauptstadt der USA wurde, stellte Philadelphia vorübergehend den Regierungssitz dar. Die Independence Hall und die Liberty Bell, die bei der Verlesung der Unabhängigkeitserklärung geläutet haben soll, zeugen von dieser Zeit.

Leider hat Philadelphia neben seiner historischen Relevanz auch lange Jahre Geschichte als Stadt mit der höchsten Mordrate der USA geschrieben. Den traurigen Höhepunkt bildeten die 1990er-Jahren mit durchschnittlich 600 Morden pro Jahr; Philadelphia stand ganz oben auf der Liste der gefährlichsten Städte der USA. Die Zahl ist zwar inzwischen deutlich zurückgegangen (Philadelphia befindet sich derzeit auf Platz 18), doch nach wie vor haftet der Metropole das Image einer rauen, gefahrvollen Stadt an. In diesem Zusammenhang mutet der Beiname Philadelphias – City of Brotherly Love (Stadt der brüderlichen Liebe) – fast schon zynisch an.

Und dann ist da natürlich Rocky. Als Sylvester Stallone 1976 die Geschichte um den sympathischen Underdog und Boxer in Philadelphia ansiedelte, war nicht absehbar, zu welchem Popularitätsschub Rocky der Stadt verhelfen würde. Es gibt wohl kaum einen Besucher, der nicht die “Rocky Steps”, die 72 Stufen, die zum Philadelphia Museum of Art führen, hinaufsprintet, um dann vor der Kulisse der Stadt die Arme siegreich in die Höhe zu reißen. So wie ich. Auch eine Statue gibt es. Stallone ließ sie für den dritten Teil der Serie anfertigen und auf dem obersten Treppenabsatz aufstellen. Doch die Museumsoberen verstanden keinen Spaß, erkannten der Filmrequisite einen künstlerischen Wert ab und verbannten die Statue auf den Rasen vor dem Museum, wo sie nun als begehrtes Fotomotiv Touristen zum Bizeps-Anspannen animiert.

Das Museum selbst beherbergt eine beachtliche Sammlung und glänzt mit sorgfältig kuratierten Wechselausstellungen. Doch leider bleibt mir diesmal keine Zeit dafür, und es kommt, wie es kommen muss: Auf dem Weg zum Flughafen stecke ich im Feierabendverkehr fest, und auch der Shuttlebus von der Mietwagenstation zum Terminal verspätet sich. Doch mit Müh und Not schaffe ich es rechtzeitig zum Gate, wo das Boarding soeben begonnen hat.

Fotowand

Filmtipps für die Sofareise

  • Rocky I–VI
    Oscar-gekrönte Boxersaga von und mit Sylvester Stallone. Stallone verkörpert nicht nur den sympathischen Underdog Rocky Balboa, er schrieb auch sämtliche Drehbücher und inszenierte die Teile II, III, IV und VI.
  • Creed
    Stabübergabe. Noch einmal schlüpft Stallone in die Rolle von Rocky Balboa. Als Mentor unterstützt er die Boxerkarriere des Sohns seines verstorbenen Freundes und ehemaligen Gegners Apollo Creed. Selbst kämpft er gegen den Krebs.
  • Philadelphia
    Als einem an AIDS erkrankten Anwalt unter fadenscheinigen Gründen gekündigt wird, nimmt er den Kampf gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber auf. Spannendes, wenngleich ein wenig pathetisches Gerichtsdrama. Oscar für Tom Hanks

  One thought on “Auf Achse II

  1. Angela's avatar
    Angela
    18. December 2016 at 03:37

    Viel Erfolg. Das schaffst du und danach ist dann Weihnachten!

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