Von Providence bis Maine sind es mit dem Auto gerade einmal zwei Stunden Fahrt. Auf dem Weg dorthin durchqueren wir zwei weitere Neuenglandstaaten: Massachusetts und New Hampshire. In Portsmouth, einem schmucken Städtchen an der Küste New Hampshires, legen wir eine ausgedehnte Rast ein, bevor wir über den Piscataqua River nach Maine einfahren.
Entlang der Küste fahren wir Richtung Acadia-Nationalpark. Auf halber Strecke übernachten wir in Freeport, einem an sich unbedeutendem Ort, wären da nicht der Stammsitz und Flagship-Store des Outdoor-Ausstatters L.L.Bean, der 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr geöffnet hat. Hier findet der geneigte Freizeitabenteurer alles, aber auch wirklich alles, was er für das Leben und Überleben in der Wildnis braucht; inklusive Hightech-Armbrust für die Elchjagd. Aus diesem Grund besuchen Jahr für Jahr rund drei Millionen Touristen Freeport. Kein Wunder also, dass sich in dem Ort neben L.L.Bean eine veritable Outlet-Industrie angesiedelt hat. Und ja, natürlich stocken auch wir unsere Outdoor-Garderobe auf.
Nächster Zwischenhalt: Rockland mit seinem ikonischen Leuchtturm, der lediglich zu Fuß über einen kilometerlangen Steindamm erreicht werden kann. Laut Reiseführer hat man von hier aus “eine fantastische Sicht auf den Ort”. Das mag sicher stimmen, sofern man sich nicht wie wir durch eine undurchdringliche Nebelwand tasten muss, die uns bei jedem Schritt an den Gruselstreifen The Fog (Video) denken lässt. Wir erreichen den Leuchtturm, ohne von untoten Seeleuten belästigt zu werden.
Der dichte Nebel begleitet uns bis Camden, einem idyllisch gelegenen Küstenort und Feriendomizil von Bostons Hautevolee, und taucht das Städtchen in eine gespenstische Atmosphäre. Schwaden wabern durch die Gassen, und die Segelboote im Hafen schaukeln menschenleer vor sich hin. Das Gluckern des Wassers und vereinzelte Klacken eines Taus gegen einen Mast bilden die passende Geräuschkulisse.
Die nächsten eineinhalb Stunden fahren wir durch dichten Nebel und dunkle Nacht und kommen schließlich in Ellsworth, unserem Zielort, an. Wir beziehen in unserem charmanten Airbnb Quartier und lassen den Abend bei einem Pint im Pub des Ortes ausklingen.
Die kommenden drei Tage genießen wir die Vielfalt des Acadia-Nationalparks; die zerklüftete Felsküste, die zum Atlantik abfallenden Granitfelsen, die dichten Mischwälder, die Berge und Seen. Chris findet heraus, dass es 116 ausgewiesene Wandertouren geben soll. Wir unternehmen vier davon, die uns allerdings über acht Gipfel führen. Vom Cadillac Mountain, mit knapp 500 Metern die höchsten Erhebung im Park, erleben wir einen traumhaften Sonnenuntergang. Wir bummeln durch das mondäne und sehr touristische Bar Harbor, besuchen den historischen Leuchtturm von Bass Harbor, eine der am meisten fotografierten Sehenswürdigkeiten Neuenglands, und testen eine Auswahl an Lobster Rolls, die wohl bekannteste Spezialität Maines.
Mit den Lobster Rolls ist das so wie mit der Berliner Currywurst – es scheint einen inoffiziellen Wettstreit darum zu geben, welche Lobster Shack (eine Hummerbude am Wegesrand) wohl das beste und frischeste Hummerbrötchen kredenzt. Live boiled, lebendig gekocht, heißt das Qualitätskriterium. Und genau das stürzt mich in eine Seelennot: Denn so köstlich die Delikatesse auch schmeckt (besonders, wenn das Hummerfleisch lauwarm und nicht traditionell kalt serviert wird), so sehr widert mich die Vorstellung an, dass die armen Viecher lebend in siedendes Wasser getaucht werden. Da eine Hummerschrippe allerdings zwischen 14 und 20 Dollar kostet, werden wir zum Glück nicht allzu häufig in Versuchung geführt.
Ich liebe Neuengland, besonders zu dieser Jahreszeit: milde Tage, kühle Nächte, die frischen Temperaturen, die herbstliche Luft, die sich sichtlich verändernde Natur – all das haben wir in Kalifornien nicht so stark ausgeprägt. Das mit dem Herbst ist Chris egal. Sie genießt vor allem die Ruhe in der Natur und die fordernden, dabei aber fast schon meditativen Wanderungen, die dabei helfen, den Kopf vom Alltag freizubekommen. Alles tutti also. Nur den Indian Summer erleben wir leider nicht. Die Blätter der Laubbäume sind nach wie vor tiefgrün, von intensiven Gelb- und Rottönen keine Spur. Ein Park Ranger erzählt uns, dass 2016 eines der trockensten Jahre seit Aufzeichnung von Wetterdaten für Maine gewesen sei, und dass das Einfluss habe auf die Blattverfärbung.
Schneller als gewollt ist unsere Zeit dann auch schon wieder um, und wir treten den Rückweg an. Am Abreisetag schüttet es wie aus Kübeln. Nebel, Sonne, Wolken und jetzt Regen – in nur wenigen Tagen haben wir eine ganze Spannbreite Neuengland-Wetter erlebt. Wir fahren noch schnell am State House in Augusta vorbei und verbringen einen Tag in Portland, der vielleicht lebenswertesten Stadt Maines, bevor sich unsere Wege trennen: Chris fliegt zurück nach San Franciso, für mich geht es erst nach Chicago und dann mit dem Auto weiter nach Madison, Wisconsin.
Fotowand
Filmtipps für die Sofareise
- Gottes Werk & Teufels Beitrag
Ein junger Mann verlässt das Waisenhaus, in dem er aufgewachsen ist, um die Welt zu entdecken, und folgt doch seiner Bestimmung. Gefühlvolle, hervorragend besetzte Verfilmung des Romans von John Irving - In the Bedroom
Der Tod ihres Sohnes wirft ein Ehepaar aus der Bahn. Oscar-nominiertes Drama, das auf subtile Art einen erschreckenden Blick in das neuenglische Kleinstadt- und Familienleben wirft. - Friedhof der Kuscheltiere
Und natürlich darf eine Erzählung von Stephen King, Maines Poeta laureatus, nicht fehlen. Hier schildert er, wie das verzweifelte Greifen nach dem ewigen Leben in eine Katastrophe mündet. Nichts für schwache Nerven
