Im Rahmen eines Forschungsprojekts verschlägt es mich nach New Jersey an die Ostküste der USA. Da bietet es sich natürlich an, ein paar Tage früher zu fliegen und gleich mal zu schauen, was sich in New York City so alles getan hat, seit ich vor acht Jahren das letzte Mal dort gewesen bin.
Das Problem: New York hat dermaßen viel zu bieten, dass ich schon an FOMO leide, noch ehe ich überhaupt eine Seite des Reiseführers aufgeschlagen habe. Ich beschließe daher, mich weitgehend auf die Südspitze Manhattans zu beschränken und zu sehen, was aus Ground Zero entstanden ist.
Ground Zero
Kurz zur Erinnerung: Am 11. September 2001 brachten Al-Qaida-Terroristen vier Passagierflugzeuge in ihre Gewalt. Eine Maschine steuerten sie ins Pentagon, eine zweite stürzte auf einem Feld ab, nachdem die Passagiere gegen die Entführer vorgingen.
Die anderen beiden Flugzeuge lenkten sie in die Türme des World Trade Centers. Aufgrund des Aufpralls und der immensen Hitze gab die Stahlkonstruktion nach. Die Türme des World Trade Centers stürzten in sich zusammen und begruben zahlreiche weitere Gebäude unter sich. Rund 2.750 Menschen starben. Amerikas Wirtschaftszentrum lag in Schutt und Asche.
Es war der schwerwiegendste Terroranschlag auf amerikanischem Boden und Auslöser eines nationales Traumas, das sich in die kollektive Erinnerung eingebrannt hat. Wohl ein jeder weiß, wo er oder sie sich am 11. September 2001 aufgehalten hat, als die Türme fielen und die Skyline von New York für immer veränderten.
Wiedergeburt und Erinnerung
Die Aufräumarbeiten dauerten über 8 Monate, dann wurde über die Gestaltung des Wiederaufbaus entschieden. Zwar ging Daniel Liebeskind letztlich als Gewinner des kontroversen Wettbewerbs hervor, doch musste der Stararchitekt zahlreiche Kompromisse eingehen und seinen ursprünglichen Entwurf stark verändern. Zudem wurden weitere Architekturbüros einbezogen.
Kernstück des neuen Areals ist das 9/11 Memorial von Michael Arad, ein berührendes Mahnmal auf den Grundrissen der eingestürzten Türme. Wo sie einst standen befinden sich nun zwei gigantische Bassins aus dunklem Granit. Ununterbrochen fließt Wasser in den Abgrund in ihrer Mitte und symbolisiert den Verlust von Leben sowie die räumliche Leere, die der Terroranschlag hinterlassen hat. Auf den Rändern der Becken sind die Namen der Gestorbenen eingraviert.
Das dazugehörige Museum führt mich in den Untergrund. Wie ein Archäologe entdecke ich die Spuren der Katastrophe: hier ein grotesk verformter Stahlträger und Fragmente der Antenne des Nordturms, dort die Überreste von Treppenstufen, über die einige der Eingeschlossenen dem Tod entkommen konnten, und dort der zertrümmerte Leiterwagen 3, dessen Besatzung dieses Glück nicht hatte. Das alles geht mir ganz schön an die Nieren, da es so hautnah und unmittelbar ist. Als ich dann die Halle der Erinnerung im Zentrum des Museums erreiche, laufen mir die Tränen über die Wangen: Sämtlichen Todesopfern wird hier ein Gesicht und eine Identität gegeben. In einer Endlosprojektion wird zudem jeder Einzelne kurz vorgestellt, der Verlust fühlbar. Statt von einer abstrakten Zahl zu sprechen, wird hier um jedes Individuum getrauert. Überwältigend.
Nach drei Stunden komme ich zurück an die Luft und brauche erst mal einen doppelten Espresso.
Blick nach vorne
Das ursprüngliche World Trade Center bestand aus sieben Gebäuden. Alle sieben Gebäude wurden 2001 zerstört. Der Wiederbebauungsplan sieht vor, dass sieben neue Gebäude errichtet werden sollen. Drei von ihnen stehen bereits. Das bis dato eindrucksvollste davon ist das von David Childs entworfene One World Trade Center.
Zugegeben, es hat ein wenig gedauert, bis bei mir der Groschen gefallen ist, warum ich den Turm so faszinierend finde: Childs hat es verstanden, ein achteckiges Gebäude mit einer quadratischen Basis und Decke zu konstruieren. Wie ich später erfahre, ist sein Entwurf überdies aufgeladen mit Symbolik. Die Höhe ist exakt 1.776 Fuß (541 Meter), entsprechend dem Jahr, in dem die USA ihre Unabhängigkeit von England erklärt haben. Der Grundriss und die Gebäudehöhe (ohne Spitze) entsprechen genau den Maßen des eingestürzten Nordturms.
Das One World Trade Center ist derzeit das höchste Gebäude der westlichen Hemisphäre. Da kann man schon mal 45 Dollar springen lassen, um im 101. Stock ein Bierchen zu trinken und darauf zu warten, dass Manhattan die Lichter anknipst. Was soll ich sagen: Es lohnt sich! Die Aussicht auf Midtown mit dem Empire State Building, dem Chrysler Building und dem neuen 432 Park Avenue ist schlicht und einfach phänomenal. Ein Blick nach rechts, und unter mir erstrecken sich die Willamsburg Bridge, Manhattan Bridge und Brooklyn Bridge über den East River.
Es sind Momente wie dieser, in denen ich die Amerikaner für ihre vorwärtsgewandte Wir-packen-das-schon-Einstellung bewundere und die Fähigkeit, sich aus eigener Kraft aufzurappeln und weiterzumachen.
Vor nicht einmal 15 Jahren hat ein Terroranschlag die Südspitze Manhattans in eine Trümmerwüste verwandelt und dem amerikanischem Selbstbewusstsein einen tiefen Stich versetzt. Jetzt stehe ich auf der Aussichtsplattform des höchsten Gebäudes der westlichen Welt und nippe an meinem Brooklyn Lager.
Ermöglicht wurde dies durch kreative Menschen mit kühnen Visionen, der breiten Unterstützung der Bevölkerung und der Risikobereitschaft der Geldgeber, diese Visionen Realität werden zu lassen. Wenn ich da im Vergleich an die vielen Schwarzmaler, Neider und Wutbürger in Deutschland denke, die einem lieber einen Stock in die Speichen stecken, anstatt mit anzuschieben, wundert es mich nicht, dass dort Stillstand herrscht. Wird Zeit, die doppelte Staatsbürgerschaft endlich zu beantragen.
