Als wir die Boeing 737 in Albuquerque, New Mexico, verlassen, werden wir von aufgeblähten Chipstüten begrüßt. An allen Verkaufsständen im Flughafenterminal hängen sie, die prallen Tüten. Merkwürdig, denke ich, woran das wohl liegen mag? Doch schnell unterbricht Christina den Gedankengang, indem sie mich darauf hinweist, dass es die anderen Passagiere behindert, wenn ich weltvergessen, mit offenem Mund mitten im Gang stehenbleibe. Recht hat sie. Und schon verdrängt die Freude auf ein verlängertes Wochenende mit meiner Süßen das Mysterium der aufgedunsenen Chipstüten.
Große kleine Stadt
New Mexico im Südwesten der USA – das sind John-Wayne-Western und Breaking Bad, Georgia O’Keeffes Landschaftspanoramen und Pueblo-Architektur, das Zusammenspiel von Sonne und Schatten. Und ein sehr entspannter Lebensrhythmus. Kein Wunder, dass der Staat den Beinamen Land of Enchantment, Land der Verzauberung, trägt.
Von Albuquerque aus geht es mit dem Mietwagen eine gute Stunde Richtung Nordosten nach Santa Fe, der Hauptstadt des Bundesstaats und zweit- oder drittältesten Stadt der USA (je nach Quelle). Wir quartieren uns im historischen Hotel St. Francis im Zentrum der Stadt ein. Von hier aus ist so ziemlich alles in wenigen Minuten erreichbar. Zu Fuß, wohlgemerkt! Die Kapitale mit ihren gerade einmal 70.000 Einwohnern ist halt überschaubar.
Doch ihre Ausstrahlung und ihr Angebot kann es locker mit zehnmal so großen Städten aufnehmen: Zahllose Cafés, Restaurants, Shops und Boutiquen säumen die Gassen rund um den Santa Fe Plaza aus der Kolonialzeit; Vertreter der verschiedenen Indianerstämme bieten handgearbeiteten Schmuck und Textilien zum Verkauf. Dann sind da noch die mehr als 200 Galerien und das gute halbe Dutzend Kunstmuseen. Ach ja, und ein renommiertes Opernhaus hat Santa Fe auch. Keine Chance, in drei Tagen ist das alles hier nicht zu bewältigen. Also genießen wir erst einmal einen amtlichen Margarita, während wir auf unseren Tisch beim Edelmexikaner warten.
Künstler, Cowboys und Indianer
Und es ist nicht nur die Stadt, die uns gefällt. Auch die karge Landschaft New Mexicos vor teils schneebedecktem Gebirgsmassiv hat ihren ganz eigenen Charme. Wir unternehmen einen Tagesausflug nach Taos, einer uralten Indianersiedlung, um die herum ein beschaulicher Künstlerort entstanden ist. Der Schriftsteller D. H. Lawrence hat hier gelebt, ebenso wie der Psychiater Carl Gustav Jung, die Malerin Agnes Martin und die Schauspieler Julia Roberts und Dennis Hopper (der hier sogar beerdigt wurde).
Der Weg dorthin führt durch die weite Prärielandschaft, durch Flusstäler und entlang von Hochplateaus – Landschaften, die in zahlreichen Filmen mit John Wayne die Vorstellung von Amerikas wildem Westen prägten. Wir parken den Wagen, schultern den Rucksack und begeben uns auf eine Wanderung hinunter zum Rio Grande.
Sobald wir am Flussbett angekommen sind, müssen wir allerdings feststellen, dass der erhabene Name zumindest an dieser Stelle ein wenig großspurig klingt: Anstatt des wilden, reißenden Stroms, durch den John Wayne und seine Cowboys einst unter Lebensgefahr die Rinder trieben, erwartet uns ein ruhig dahinfließender Bach. Nun gut, auch eine Erkenntnis. Wir stippen den Finger ins Wasser, genießen das Panorama, machen ein paar Fotos und uns dann an den Aufstieg zurück zum Auto.
Die so genannten Earthships sind eine weitere Sehenswürdigkeit auf dem Weg nach Taos. Bereits in den 1970er-Jahren hat sich eine Gruppe von Aussteigern Gedanken über die Nachhaltigkeit unserer Ressourcen gemacht und ein ausgeklügeltes Konzept zum Häuserbau entwickelt, das Zivilisationsmüll wie Autoreifen oder Getränkeflaschen und -dosen als Baumaterialien verwendet. Das Innenklima wird durch Pflanzen auf natürliche Art geregelt, und die Bauten sind komplett von einer zentralen Strom und Wasserversorgung unabhängig. Off the grid, heißt das.
Die Architektur der Häuser ist angelehnt an den organischen Stil eines Antoni Gaudí oder Friedrichsreich Undertwasser, kombiniert mit Ausstattungselementen, die mich an den Science-Fiction-Film Silent Running oder auch Luke Skywalkers Butze auf Tatooine denken lassen. Ein wenig sektiererisch das Ganze, aber eben auch visionär und klug. Leider ist ein Großteil der Siedlung Besuchern nicht zugänglich, und wir müssen uns mit einigen oberflächlichen Eindrücken begnügen.
Kein Besuch Santa Fes ist komplett, ohne ein Besuch des Georgia O’Keeffe Museums. Zwar hängen die bekanntesten Werke der Künstlerin in anderen großen Museen der Welt, doch nirgendwo sonst gelingt eine Annäherung an ihre Bilder so sehr wie hier in ihrer Wahlheimat New Mexico.
Zugegeben, Georgia O’Keeffe und ihre Bilder standen nie auf meiner persönlichen Favoritenliste. Doch wo ich jetzt einige Einblicke in ihr Leben und das Besondere ihrer Kunst erhalte, schätze ich O’Keeffe als eine starke, unabhängige Frau und Künstlerin, die ihren eigenen Weg gegangen ist und sich noch im hohen Alter auf Weltreise begeben hat, um neue Eindrücke zu gewinnen. Und auch wenn ihre Bilder nach wie vor nicht auf meiner Favoristenliste stehen, verstehe ich jetzt ihren Beitrag zur Kunstgeschichte.
Dann ist unser Kurztrip auch schon wieder vorbei, und es geht zurück in die Bay Area mit der Hoffnung, dass das Erlebte und Gesehene noch einige Zeit nachklingen wird.
Und das Geheimnis der aufgeblähten Chipstüten? Wenn man weiß, dass Albuquerque auf einer Höhe von rund 1600 Metern und Santa Fe auf einer Höhe von rund 2200 Metern liegt, kommt man darauf: Der Luftdruck ist hier niedriger als auf Meereshöhe, aufgrund des geringeren Außendrucks dehnt sich die Luft in den versiegelten Chipstüten aus. Geheimnis gelüftet!
Fotowand
Filmtipps für die Sofareise
- Breaking Bad
Kaum eine Fernsehserie hat einen solchen Fankult nach sich gezogen, wie die Geschichte von Walter White, der sich vom friedfertigen Chemielehrer zum rücksichtslosen Drogenbaron wandelt. Zu Recht: hervorragend besetzt, grandios gespielt vor der faszinierenden Kulisse New Mexicos - Better Call Saul
In Breaking Bad vertritt der windige Anwalt Saul Goodman Albuquerques berüchtigsten Kriminellen Walter White. Doch Saul hieß nicht immer so. Starker Serienableger, der auf unterhaltsame Weise die Geschichte von Saul Goodman erzählt. Großes Kino mit einem großartigen Bob Odenkirk - Crazy Heart
Und noch ein gebrochener Mann: Nach wie vor tingelt der alkoholkranke Countrysänger Bad Blake durch die Bars und zehrt von seinem vergangenem Ruhm. Erst die Beziehung zu einer Journalistin weckt ihn aus der Lethargie. Anrührend und authentisch. Oscar für Jeff Bridges
