Eigener Herd ist Goldes wert

1817 Echo: Welcome to the new Woelk residence

1817 Echo: Welcome to the new Woelk residence

Die Feiertage sind lange durch, und das neue Jahr hat volle Fahrt aufgenommen. Ich merke, dass mir als frischgebackenem Hausbesitzer kaum Zeit bleibt, meinen Blog zu pflegen. Kennt ihr ja sicher – es gibt immer was zu tun. (Ich erkenne gerade, wie zutreffend der gleichlautende Slogan dieser deutschen Baumarktkette doch ist.)

Bevor ich endgültig den Anschluss verpasse, nehme ich den verregneten Abend heute zum Anlass, einmal die Gedanken zu ordnen und Revue passieren zu lassen, was in den letzten zwei Monaten so alles geschehen ist.

Eigentümer und Vermieter

Och nö! Jetzt nicht noch mehr Unterschriften...Nachdem wir also den Zuschlag zu unserem neuen Haus erhalten haben, dauert es rund vier Wochen, bis sämtliche Dokumente beim Notar eingegangen sind. Mitte Oktober treffen wir uns dann zusammen mit unserer Maklerin Shirley und unserem Darlehensvermittler Dan bei der Notarin und verbringen eine gefühlte Ewigkeit damit, einen meterhohen Stapel an Papieren Blatt für Blatt durchzugehen und zu unterzeichnen. Man glaubt gar nicht, was hier so alles bürokratisch, bis ins kleinste Detail geregelt ist; dagegen herrscht in Deutschland die reinste Anarchie.

Stößchen! Wir sind im Grundbuch eingetragenHände werden geschüttelt, Schultern geklopft, Glückwünsche ausgesprochen. Zwei Tage später sind wir im Grundbuch eingetragen. Wir lassen die Korken knallen! Doch einziehen können wir noch nicht, denn eine Vertragsklausel mit dem Vorbesitzer regelt, dass er 30 Tage im Haus wohnen bleiben darf, um seinen Auszug zu organisieren. Das macht uns zwischenzeitlich zu Vermietern. Doch wir sitzen in den Startlöchern und zählen die Tage.

Jeder Handgriff muss sitzen

Dann geht es endlich los. Während wir mit Shirley noch die Schlüsselübergabe abschließen, sind unsere Handwerker längst dabei, die Holzvertäfelung von den Wänden zu reißen und den abgewetzten Teppich zu entfernen. Javier und Ramon sind unsere Helden: Sie haben genau 12 Tage Zeit, im ganzen Haus den Holzfußboden aufzuarbeiten sowie sämtliche Wände und Decken auszubessern und zu streichen. Dass Thanksgiving in die Zeit fällt, das wichtigste Familienfest der Amerikaner, ist nicht eben hilfreich. Doch der Stichtag steht: 27. November. Dann stehen wir mit vollgepacktem Möbelwagen vor der Tür. Der Countdown läuft.

Während sich die Trupps von Javier und Ramon im Haus austoben, koordinieren wir das Auswechseln der Türschlösser sowie die Anlieferung und den Anschluss von Waschmaschine, -trockner und Geschirrspüler.

Während ich bei Kohl’s mehrere dienstliche Veranstaltungen der geselligen Art wahrnehme und dann auch noch überraschend für ein paar Tage nach Milwaukee fliegen muss, um dort einen Workshop abzuhalten, fängt Chris damit an, unsere Siebensachen zusammenzupacken.

Die Kunst zieht umWir beschließen, den Umzug ein wenig zu entzerren und vorab schon mal Christinas Atelier nach San Mateo zu verfrachten. Wir unterbrechen die Packerei, mieten uns einen Lastwagen und lassen die Kunst umziehen. Geplant haben wir hierfür ein paar Stunden, doch letztlich wird ein ganzer Tag daraus.

Am nächsten Tag ist Thanksgiving. Vormittags packen, nachmittags sind wir bei Freunden zum traditionellen Thanksgiving-Dinner eingeladen. Zum Glück müssen wir uns um nichts kümmern und können die Cocktails und das opulente Mahl einfach nur genießen. Und zwar so sehr, dass es weit nach Mitternacht ist, ehe wir ins Bett kommen. Nach gut sechseinhalb Jahren ist dies unsere letzte Nacht in der Jane Lane. Irgendwie traurig, geht es mir durch den Kopf. Doch bevor ich den Gedanken vertiefen kann und sentimental werde, schlafe ich todmüde ein.

Punkt 8 Uhr stehen unsere Umzugshelfer vor der Tür in Mountain View. Acht Stunden später drücke ich ihnen vor der Tür in San Mateo einen Scheck in die Hand. Und bald darauf kriechen Randy und Maurice aus ihren Transportkisten, um zaghaft, im geduckten Gang die neue Bleibe zu inspizieren.

Hier ein paar weitere Vorher-Nachher-Bilder:

Der Stress fordert seinen Tribut

Der ganze Stress, der wenige Schlaf und die fehlende sportliche Betätigung fordern letztlich ihren Tribut. Bereits vor meinem Trip nach Milwaukee versuche ich, eine sich ankündigende Erkältung in den Griff zu bekommen. Vergeblich. Ich bringe den Workshop noch einigermaßen gut über die Runden, doch auf dem Rückflug nach San Francisco geht es los: Der Landanflug verursacht höllische Schmerzen in Kopf und Nacken, da mein Schnupfen sich festgesetzt hat und verhindert, dass die sich ausdehnende Luft entweichen kann. Autsch! Um es mit Otto Waalkes zu sagen: Das kann ja Eiter werden.

Wird es. Wir wuppen den Umzug, doch die Woche darauf verschlimmern sich die Symptome derart, dass ich nachts nicht schlafen kann. Ich bekomme keine Luft. Es fühlt sich an, als würde ich ersticken, was dann auch noch eine kleine Panikattacke auslöst. Unschön. Meine Ärztin diagnostiziert eine fortgeschrittene Stirn- und Nebenhöhlenvereiterung, schreibt mich krank und setzt mich die nächsten drei Wochen auf Antibiotika. Das also ist mein Einstand im neuen Heim.

Die Sinusitis ist zäh, und ich erhole mich nur langsam. Erst nach zehn Tagen spüre ich eine Besserung und fühle mich nicht mehr wie eine Kartoffel.

Ein letztes Mal vor meinem Weihnachtsurlaub geht es nach Milwaukee, um den Fortschritt meiner Arbeit der Führungsriege zu präsentieren. Alles läuft gut. Dann zurück in die Bay Area und ab in die Feiertage.

Alles so schön neu hier

Die freien Tage zwischen Weihnachten und Neujahr nutzen wir, um unsere neue Umgebung zu erkunden. Da ist zum einen die Stadt San Mateo. Anders als die meisten Städte in der Bay Area, deren Downtown aus nur einer Hauptgeschäftsstraße besteht, und die daher an Westernstädtchen erinnern, fühlt sich San Mateo fast so an an wie eine Kleinstadt nach europäischer Vorstellung. Zahlreiche Gebäude im Zentrum stammen aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert und erzählen die Geschichte der Stadt. Mehrere Hundert Läden und Restaurants laden zum Bummeln und Entdecken ein. Chris und ich sind positiv überrascht, und wir fragen uns, warum eigentlich wir San Mateo und Umgebung in den letzten sechseinhalb Jahren so gut wie gar nicht auf dem Radar hatten.

Laufen auf dem Bay Trail: Dutzende Kilometer entlang der BuchtEine weitere positive Überraschung ist es, als wir herausfinden, dass wir gerade einmal einen Kilometer vom Wasser entfernt wohnen, und es eine tolle Laufstrecke entlang der Bucht gibt. Richtung Norden geht es zum Coyote Point, einem kleinen Naturpark mit Strandabschnitt. Von hier aus hat man eine hervorragende Sicht auf San Francisco – und auf die Flugzeuge, die sich im Landeanflug auf SFO befinden. Richtung Süden führt der Pfad zur San Mateo Bridge, die mit ihren 11 Kilometern nicht nur die längste Brücke der Bay Area ist, sondern auch die längste Brücke Kaliforniens. Egal in welche Richtung wir laufen, es gibt immer etwas zu sehen.

Wir erweitern unseren Erkundungsradius: Kaum zwanzig Autominuten nordwestlich liegt der San Bruno Mountain State Park. Auch den hatten wir bisher nicht auf dem Schirm. Dabei bietet der Höhenweg einen atemberaubenden Panoramablick vom Pazifik über San Francisco mit seinen Hügeln und Brücken bis zur Bucht und der East Bay. Zum Flughafen sind es nur zehn Minuten. Zwanzig Autominuten gen Westen, und wir sind am Sandstrand von Half Moon Bay. Vorausgesetzt, wir stehen nicht im Stau.

Die dunkle Seite

Nichts geht mehr: ein typischer Tag in der Bay AreaDenn das ist die Schattenseite der zentralen Lage: Von allen Seiten fließt hier der Verkehr zusammen. Mein Arbeitsweg hat sich locker verdreifacht, die Hälfte davon stehe ich im Stau. Wenn dann noch ein Unfall passiert – und das ist fast schon Tagesordnung –, kann es vorkommen, dass ich eineinhalb Stunden lang Stoßstange an Stoßstange den Highway 101 entlangkrieche. Um da ruhig zu bleiben, hilft nur Ujjayi Pranayama, eine konzentrierte Yoga-Atemtechnik; und selbst die nicht immer.

In der Bay Area leben mehr als sieben Millionen Menschen. Ein großer Teil davon arbeitet bei einem Technologieunternehmen im Silicon Valley. Genau wie ich. Noch immer sehe ich links und rechts des Highways Bürogebäude in die Höhe wachsen. Vielen Firmen geht es gut, sie expandieren und bringen mehr und mehr Menschen in die Gegend. Doch die Infrastruktur wächst nicht mit. Die geographische Lage der Bay Area erlaubt keine weiteren Highways und Verbindungsstraßen. Den öffentlichen Nahverkehr auszubauen, bleibt Wunschdenken. Bis das fahrerlose Auto oder – wie kürzlich auf der CES in Las Vegas vorgestellt – das fliegende Auto (Video) eine kritische Masse erreicht hat, vergehen sicher noch Jahrzehnte. Und so frage ich mich jeden Tag, wenn ich wieder entnervt auf die Bremslichter meines Vordermanns blicke, wann wir wohl endgültig dem Verkehrsinfarkt erliegen. Der Zeitpunkt scheint Tag für Tag näherzukommen. Bis es soweit ist, lautet mein Leitspruch: in with anger, out with love… Und dabei das Atmen bloß nicht vergessen.

Fotowand

  One thought on “Eigener Herd ist Goldes wert

  1. Hildegard Ehlers's avatar
    Hildegard Ehlers
    13. March 2016 at 11:19

    Super der Bericht über Euer neues Zuhause. Laßt Euch durch die Schattenseiten nicht abschrecken und genießt die Sonnenseiten. alles ist Bestens und weiterhin gutes Gelingen. Liebe Grüße Hildegard und Herbert

  2. Doris und Harry's avatar
    Doris und Harry
    19. February 2016 at 04:00

    Das ist ein sehr lebendiger Bericht aus Eurem Leben. Anhand der Beschreibung und der Vorher-Nachher-Bilder, können wir uns so richtig darein versetzen. Ihr habt ein kleines Schmuckstück geschaffen, woran man sich erfreut. Es war viel Arbeit und Stress dabei. Nun genießt und erholt Euch. Auf den berichteten Autobahnstress können wir gut und gern verzichten, da ist es im beschaulichen Lüneburg angenehmer. Empfangt viele Grüße, Doris und Harry

  3. Uli's avatar
    Uli
    18. February 2016 at 08:26

    Schöne Bilder, schönes Haus, schöööön viel Stress – das hört sich doch gut und so bekannt an. Genießt es – und lasst euch vom Stau nicht stressen. Der fehlt uns ja zum Glück in Lüneburg 🙂

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