10 Tage im September

Wie der Phönix aus der Asche erstand aus der im Bürgerkrieg niedergebrannten Stadt Atlanta eine florierende Südstaatenmetropole. Ungewollt wurde der Sagenvogel auch zu einem Symbol für Chris und mich...

Wie der Phönix aus der Asche erstand aus der im Bürgerkrieg niedergebrannten Stadt Atlanta eine florierende Südstaatenmetropole. Ungewollt wurde der Sagenvogel auch zu einem Symbol für Chris und mich…

Milwaukee, Wisconsin. 13. September

I think we did it!“, ich denke, wir haben es geschafft!, lautet der Betreff der E-Mail, die just in dem Moment in meinem Posteingang erscheint, als die Maschine in Milwaukee aufsetzt. Reflexartig versuche ich mit erhobener Becker-Faust aufzuspringen, doch der Gurt reißt mich zurück in den Sitz, und eine Stewardess ermahnt mich per Durchsage, sitzen zu bleiben, bis die Maschine ihre Parkposition erreicht hat.

10 Tage zuvor: San Mateo, California. 4. September

Chris und ich verabschieden uns von unsere Maklerin Shirley. Wir sind uns einig, dass wir unser neues Zuhause gefunden haben; hier in San Mateo, knapp 30 Kilometer südlich von San Francisco.

Seit ein paar Wochen sind wir aktiv dabei, uns am Wochenende zum Verkauf stehende Häuser anzusehen. Seit einiger Zeit schon spielen wir mit dem Gedanken, uns in der Bay Area Eigentum anzuschaffen, denn es sieht ganz danach aus, dass wir noch ein wenig länger hier in Kalifornien bleiben werden. Die letzte Mieterhöhung unseres Vermieters von 500 Dollar pro Monat hat dann endgültig den Stein ins Rollen gebracht.

Das Problem: In der San Francisco Bay Area übersteigt die Nachfrage nach Wohnraum bei Weitem das vorhandene Angebot. Daher sind nicht nur die Mieten horrend, auch die Hauspreise sind für Durchschnittsverdiener wie uns nahezu unerschwinglich: Auf der Halbinsel zwischen San Francisco und San Jose geht kaum etwas unter einer Million Dollar. Ein wenig besser ist das Preisniveau auf der Ostseite der Bucht oder im Süden von San Jose. Allerdings ist die Lebensqualität dort eine andere, und unsere Freunde wären weit entfernt. Daher wollen wir unser Glück zunächst auf der Peninsula versuchen. Wir geben uns drei Monate Zeit. Wenn wir dann nichts Passendes gefunden haben, werden wir die Suche in den Osten und Süden der Bucht ausdehnen.

Bezugsfertig: Hier wollen wir wohnen!Über eine Empfehlung geraten wir an Shirley, eine erfahrene, bodenständige Maklerin mit geradezu mütterlicher Ausstrahlung. Genau das, was wir brauchen. In einem Vorgespräch erläutert sie uns den komplexen Hauskaufprozess in Kalifornien. Fakt ist, dass in der Regel kein Haus in der Bay Area zum Angebotspreis verkauft wird. Stattdessen gibt es ein regelrechtes Gebotsgefecht, mit dem Ergebnis, dass der Angebotspreis weit überboten wird, nicht selten um mehr als Hunderttausend Dollar. Da unser Budget deutlich unter einer Million liegt, ist dies alles andere als ermutigend. Nicht für Shirley. Sie schließt ihren Vortrag zuversichtlich mit den Worten: “Und dann finden wir für euch ein schönes Zuhause.” Ganz so, als ob dies der einzig logische Abschluss des Prozesses wär.

Und tatsächlich scheinen wir hier in San Mateo ein schönes Zuhause gefunden zu haben: bezugsfertig, in einer sicheren Gegend und preislich im Rahmen unseres Budgets. Wir beschließen, ein Angebot abzugeben.

Atlanta, Georgia. 5.-7. September

Atlanta von obenIm Vorfeld einer Konferenz fliege ich nach Atlanta, der Hauptstadt von Georgia im Südosten der USA. Die Stadt ist nicht nur Stammsitz von Coca Cola und CNN, sondern auch mehrfach von historischer Bedeutung für die Vereinigten Staaten: Die Einnahme und Zerstörung Atlantas 1864 durch die Unionstruppen bedeutete den entscheidenden Sieg der Nordstaaten über die Südstaaten und beschleunigte das Ende des amerikanischen Bürgerkriegs. In den 1960er-Jahren war Atlanta dann ein wichtiger Schauplatz der Bürgerrechtsbewegung. Deren bekanntester Sprecher, Martin Luther King, wuchs in Atlanta auf, ehe er die Massenbewegung anführte und maßgeblich zum Ende der Rassengesetze beitrug.

Auf den ersten Blick wirkt Atlanta auf mich wie eine zerdehnte Stadt mit ungleichmäßig gesetzten Wolkenkratzern, viel Verkehr und einem Identitätsproblem. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass die Stadt durchaus etwas zu bieten hat: die angesagte Westside etwa, mit ihren schicken Boutiquen und hippen Restaurants, das erstklassige von Richard Meier und Renzo Piano entworfene High Museum of Art, großzügig angelegte Parks oder das historische Viertel rund um das Geburtshaus von Martin Luther King.

Mountain View, California. 5.-7. September

Während ich auf den Spuren Martin Luther Kings wandele, wühlt sich Chris durch mehrere Hundert Seiten des Inspektionsberichts, der den Zustand des Hauses sowie dessen geographische Lage mit ihren Risiken (Erdbeben gefällig?) in aller Ausführlichkeit beschreibt. Sie klärt alle offenen Fragen mit unserer Maklerin Shirley und managt die Koordination mit unserem Darlehensvermittler Dan.

Aufgepimptes AnschreibenAm Abend telefonieren wir uns zusammen, und Chris gibt mir eine grobe Zusammenfassung des Materials. Außerdem hat Shirley vorgeschlagen, dass wir ein persönliches Anschreiben an den Verkäufer verfassen, in dem wir uns kurz vorstellen und begründen, weshalb wir die richtigen Käufer seines Hauses wären. Ernsthaft jetzt? Ja, und ein hübsches Foto von uns wäre auch nett, um den Verkäufer auf der emotionalen Ebene abzuholen. Das könnte bei einem Gleichstand von Angeboten der ausschlaggebende Punkt sein.

Nun gut, ich nehme die Herausforderung an. Wozu bin ich schließlich Texter und Designer? Da werde ich die Konkurrenz doch wohl in den Schatten stellen können! Ich hole mir einen Sechserträger und arbeite die Nacht durch. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Ich bin zufrieden.

Athens, Georgia/San Carlos, California. 8. September

Ich fahre nach Athens, einer Universitätsstadt, etwa 115 Kilometer nordöstlich von Atlanta. Die nächsten drei Tage besuche ich dort eine Fachkonferenz.

Anders als Atlanta wurde Athens im Bürgerkrieg von der Nordstaatenarmee weitgehend verschont, und viele der historischen Gebäude sind bis heute gut erhalten. Doch wirklich bekannt ist Athens für ihre lebhafte Musikszene: Bands wie R.E.M. und The B-52’s (Videos) haben hier ihre ersten Gigs gespielt. Und nach wie vor schrabbeln sich Abend für Abend unzählige Garagenbands in den Clubs und Bars der Stadt die Finger wund.

Am Abend des ersten Tages halten Chris, Shirley, Dan und ich eine Konferenzschaltung ab. Wir gehen noch einmal die wichtigsten Dokumente und unsere Finanzierungsoptionen durch. Nach drei Stunden haben wir alles geklärt – unser Gebot steht! Uns raucht der Kopf. Doch Chris ist noch lange nicht fertig. Sie muss vor Ort gefühlte Einhundert Unterschriften leisten.

Athens, GA. 9. September

Jetzt bin ich an der Reihe: Zwischen den Vorträgen suche ich mir ein ruhiges Plätzchen, um auf dem Laptop durch die Seiten unseres Kaufangebots zu gehen und meine elektronische Unterschrift zu leisten. Fertig! Shirely ist überzeugt, dass wir ein solides Angebot formuliert haben. Jetzt liegt es an ihr, unsere Offerte der Gegenseite schmackhaft zu machen. Daumen drücken!

Athens, GA/Mountain View, CA.  10. September

I don’t have great news“, schreibt Shirley, keine guten Neuigkeiten. Unser Angebot wurde von einem Barzahlungskäufer deutlich überboten: 850.000 Dollar cash auf den Tisch – da können wir nicht gegenhalten. Selbst die süßen Katzenbilder in unserem Anschreiben reißen das nicht raus. Die Enttäuschung ist groß, denn irgendwie hatten Chris und ich ein gutes Bauchgefühl. Selbst Rocky’s weise Worte trösten uns nicht darüber hinweg:

It ain’t about how hard you hit. It’s about how hard you can get hit and keep moving forward; how much you can take and keep moving forward. That’s how winning is done!

Während Chris in Mountain View Randy und Maurice schonend beibringt, dass unser Vorhaben leider nicht geklappt hat, lenke ich mich in Athens mit ein paar Vorträgen zum Thema Experience Design ab. Abends habe ich dann ein Bier mehr, als ich eigentlich haben sollte.

Mountain View, CA/Interstate Highway. 11. September

Kein Zweifel, wir haben die beste Maklerin der Bay Area angeheuert: Bereits am nächsten Tag schickt Shirley Chris eine SMS, dass das Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf den Markt kommen soll. Wie es der Zufall will, kennt sie die Maklerin, die die Verkäuferseite repräsentiert, sehr gut. Da wir zwei Tage zuvor ein Angebot auf ein ähnliches Haus abgegeben haben, besteht die Chance, dass wir unsere Offerte einreichen können, bevor die offiziellen Termine für eine Hausbesichtigungen angesetzt werden. Die Crux: Wir haben nur einen Tag Zeit, um ein aktualisiertes Angebot mit einem abgesegneten Finanzierungsplan abzugeben.

Nachtfahrt nach NashvilleWährend Chris und Shirley sogleich für den folgenden Tag einen Besichtigungstermin klarmachen und den Inspektionsbericht anfordern, mache ich mich auf den Weg zu unseren Freunden Will und Kath nach Murfreesboro, Tennessee. Ich hatte für die Fahrt gute viereinhalb Stunden veranschlagt, doch dank des Wochenendverkehrs rund um Atlanta in Kombination mit mehreren sintflutartigen Regengüssen werden letztlich sieben Stunden daraus. Thayer Sarrano liefert den Soundtrack. Kurz nach 22 Uhr treffe ich bei den beiden ein.

Murfreesboro, Tennessee/San Carlos, CA. 12. September

Erst einmal ausschlafen. Will, Kath und ich hatten uns so viel zu erzählen, dass es 3 Uhr wurde, bevor wir ins Bett gekommen sind. Jetzt warte ich gespannt darauf, dass Chris sich meldet und mir von der Hausbesichtigung berichtet.

Geschafft: unser neues Zuhause!Während wir gemütlich frühstücken, sind Chris und Shirley längst auf dem Weg nach San Mateo, um das neue Haus in Augenschein zu nehmen. Schnell stellt sich heraus, dass es nicht ganz so gut in Schuss ist, wie sein Pendant auf der anderen Straßenseite. Wir werden wohl einige Reparaturen durchführen müssen, bevor wir dort einziehen können. Dennoch sieht Shirley eine gute Wertentwicklung für die Gegend, und unsere Investitionskosten dürften sich bereits in ein bis zwei Jahren amortisiert haben. Chris ruft mich an. Kurze Lagebesprechung, und wir beschließen, unser Glück zu versuchen.

Eine gute Stunde später hängen Dan, Shirley, Chris und ich in einer Konferenzschaltung und gehen den Inspektionsbericht sowie diverse Finanzierungsstrategien durch. Nachdem wir uns auf ein strategisches Vorgehen verständigt haben, heißt es für Chris und mich: same procedure as last time. Chris geht die Unterlagen Seite für Seite mit Shirley durch und leistet ihre Unterschrift. Und sobald die Dokumente dann elektronisch verfügbar sind, setze ich meinen Friedrich Wilhelm darunter und klicke auf “Abschicken”. Jetzt ist Shirley mit ihrem Verhandlungsgeschick dran.

Wow! Schlagartig wird mir bewusst, dass ich soeben ein Angebot für den teuersten Kauf meines Lebens abgegeben habe, ohne die Immobilie selbst gesehen zu haben. Kath schenkt mir einen Tennessee Whiskey ein. Und dann noch einen.

Murfreesboro, TN. 13. September

Leider ist dies nur eine kurze Stippvisite bei unseren Freunden, und am späten Nachmittag muss ich schon wieder weiterreisen. Doch bevor es soweit ist, unternehmen wir einen Ausflug zur Short Mountain Distillery, im Hinterland Tennessees. Die abseits gelegene winzige Whiskey-Brennerei spielt mit dem Image ihrer illegalen Vergangenheit zur Zeit der Prohibition in den 1920er- und 1930er-Jahren. Selbst Al Capone soll hier den legendären Moonshine (schwarzgebrannten Whiskey) bezogen haben. Foster, unser Tour-Guide, hat da so einige Geschichten von seinem Grandpoppy, seinem Großvater, auf Lager. Mit schwerem Südstaatendialekt zieht er vom Leder. Auf der Rückfahrt bemerkt Kath, dass der Dialekt gespielt und Foster im wahren Leben wohl weniger Moonshiner als Nashville-Hipster sei.

Dann bringen mich die beiden zum Flughafen von Nashville. Von hier aus geht es nach Milwaukee. Ich checke kurz meine E-Mails, bevor der Flieger abhebt. Noch immer keine Nachricht von Shirley oder Chris. Ist das jetzt ein gutes oder schlechtes Zeichen? Ich schließe die Augen und versinke im Halbschlaf; die vergangenen Tage haben mich ganz schön aufgerieben und ich merke, dass meine Energiereserven aufgebraucht sind. Erst als der Pilot verkündet, dass wir uns im Landeanflug auf Milwaukee befinden, wache ich auf.

  One thought on “10 Tage im September

  1. Andreas's avatar
    A.
    18. October 2015 at 23:21

    Hallo Claudia, wenn alles planmäßig läuft, sind wir Ende November im neuen Heim.

  2. Claudia's avatar
    12. October 2015 at 08:57

    Well done und herzlichen Glückwunsch! Wann zieht Ihr um?

  3. Andreas's avatar
    A.
    26. September 2015 at 10:56

    Genau richtig, Bob. Nur konnte ich meinen Angestelltenrabatt leider nicht in Anspruch nehmen 🙂

  4. Bob's avatar
    Bob
    24. September 2015 at 23:28

    Glückwusch – damit hast du das Haus ja praktisch online gekauft, das ist der Kohl’s Digital spirit 😉

Leave a comment

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.