Wieder bin ich für Kohl’s in Sachen Kundenzufriedenheit unterwegs. Diesmal als Mitglied einer Arbeitsgruppe in Chicago. Der Dichter Carl Sandburg bezeichnete die Metropole am Michigansee einst als City of the Big Shoulders, als “Stadt der breiten Schultern”, oder anders ausgedrückt, als Stadt der Malocher. Das war Anfang des 20. Jahrhunderts, und Chicago war Amerikas Dreh- und Angelpunkt in Sachen Fleischverarbeitung, Eisenbahnindustrie und Agrarhandel. Wer mehr erfahren möchte, dem kann ich nur empfehlen, Hergés Tim in Amerika aus dem Bücherregal hervorzukramen. Das Comicalbum bietet einen unterhaltsamen und dabei treffenden Einblick in ein spannendes Kapitel amerikanischer Zeitgeschichte.
Da Chris und ich die Stadt vor einigen Jahren bereits gründlich erkundet haben (siehe Blogeintrag The Windy City), lasse ich mich diesmal weitgehend einfach treiben. Ich genieße die allgegenwärtige atemberaubende Architektur und die hervorragende Gastronomie. Ich treffe mich mit einem ehemaligen eBay-Kollegen und besuche die Retrospektive der kolumbianischen Künstlerin Doris Salcedo im Museum of Contemporary Art.
Alle wollen oben sein
Einen Höhepunkt meines Besuchs bietet im wahrsten Sinn der rund 440 Meter hohe Sears Tower, der über 40 Jahre lang das höchste Gebäude der USA war. Erst im letzten Jahr wurde dieser Rekord mit der Eröffnung des One World Trade Centers in New York City eingestellt.
Offiziell heißt der Sears Tower gar nicht mehr Sears Tower: Vor einigen Jahren hat ein britischer Versicherungskonzern die Namensrechte erworben und den Wolkenkratzer in Willis Tower umbenannt. Doch kaum einer in Chicago schert sich darum, und der Turm wird im allgemeinen Sprachgebrauch weiterhin Sears Tower genannt.
Bis ich endlich auf der Besucherplattform ankomme, wird meine Geduld extrem auf die Probe gestellt. Gefühlte zwei Millionen Touristen wollen wie ich die faszinierende Aussicht erleben, und wir kommen nur im Schneckentempo voran. Aber dann: Nach rund 90 Minuten schaue ich aus 412 Metern Höhe auf die Stadt der breiten Schultern hinab. Gerade rechtzeitig, um zu erleben, wie die Dämmerung die Stadt in ein Meer aus Lichtern verwandelt. Wie Goldadern durchziehen die Straßen die Metropole, ehe sie in der Ferne am Michigansee enden.
Zu Haus bei Frank Lloyd Wright
Bevor ich am nächsten Tag die zweistündige Weiterfahrt zum Firmensitz von Kohl’s nach Milwaukee antrete, mache ich einen Zwischenstopp in Oak Park, einem Vorort von Chicago. Hier hat der Architekt Frank Lloyd Wright Anfang des 20. Jahrhunderts gelebt und gearbeitet und den ihm eigenen Prairie Style entwickelt.
Wright war einer der ersten Architekten, der sich bewusst der kulturellen Abhängigkeit Europas lossagen und einen unabhängigen amerikanischen Architekturstil etablierten wollte. Seine so genannten “Prairie Houses” (Präriehäuser) sollten den amerikanischen Geist von Demokratie, Pioniergeist und Zusammenhalt widerspiegeln. Elementar war für ihn die Feuerstelle als Treffpunkt der Gemeinschaft, um den herum sich das Gebäude entwickelt und harmonisch in die umliegende Landschaft einfügt.
Leider verpasse ich die letzte Tour durch Wrights Wohnhaus und Atelier. Doch die umliegende Nachbarschaft ist gespickt mit seinen Bauten, und ich spaziere mit gezückter Kamera durch das Wohngebiet wie durch ein Freiluftmuseum. Noch immer wirken die meisten seiner Häuser hier frisch und modern, und das, obwohl sie mehr als einhundert Jahre auf dem Buckel haben. Kein Zweifel, Wright hat sich seinen Platz im Pantheon der großen Architekten redlich verdient.
Dann schnell einen Kaffee für Fahrt und rauf auf die Interstate 94. Der verstörend-betörende Sound von Crystal Castles liefert den passenden Soundtrack für meine Fahrt durch die tristen Landschaften von Illinois und Wisconsin.
