Bigger Is Better

Downtown Dallas: so viel mehr als Kennedy-Killer, Cowboys, und Kühe

Erst die Rinder, dann das Öl, dann die Computer: Allein die Skyline zeigt, dass es Dallas an Geld nicht mangelt

Nein, auf der Southfork Ranch waren wir dann doch nicht. Und das, obwohl sie als Heimstatt des Ewing-Clans noch immer stellvertretend für die texanische Metropole Dallas steht. Denn natürlich hat die gleichnamige TV-Serie und ihre Titelmelodie (Video) auch uns durch unsere Jugend in den 1980er-Jahren begleitet: J.R.s dreckiges Lachen, Sue Ellens trunkene Eskapaden oder Bobbys Tod und Wiederauferstehung sind Meilensteine der Popkultur. Wie kaum eine andere Serie hat Dallas unser Bild der USA geprägt. Vor ein paar Jahren gab es sogar ein Remake der Seifenoper (Video), das allerdings nach nur drei Staffeln wieder eingestellt wurde.

Nun sind wir also hier, im Epizentrum der Stetson-tragenden Ölbarone, Longhorn-Rinder und Superhighways. Mein neuer Job schickt mich quer durch die USA, und Chris hat die Gelegenheit am Schopf gepackt, mich nach Dallas zu begleiten. Schnell stellen wir fest, dass die Stadt viel mehr zu bieten hat, als das, was man aus dem Unterhaltungsfernsehen kennt. Unter anderem war sie unrühmlicher Schauplatz eines tragischen Kapitels der amerikanischen Geschichte.

City of Hate

Tatort Dallas: Blick auf die Elm Street Am 22. November 1963 besucht Präsident John F. Kennedy die texanische Großstadt, um Spendengelder für den bevorstehenden Wahlkampf zu sammeln. Die Stimmung in der Stadt ist angespannt; rechtskonservative Aktivisten hetzen gegen den Präsidenten, es gibt ernstzunehmende Drohungen. Dennoch begeben sich Kennedy und seine Frau Jackie auf einen Motorkorso durch die Stadt. Kurz nachdem der Wagen des Präsidenten in die Elm Street einbiegt, peitschen drei Schüsse durch die Luft. Sie treffen Kennedy in den Hals und den Kopf. Der Fahrer tritt aufs Gas. Nur Minuten später wird Kennedy in die Notaufnahme des Parkland Memorial Hospital eingeliefert. Doch der Präsident ist nicht zu retten. 20 Minuten später unterzeichnet der behandelnde Arzt den Totenschein.

Als Attentäter wird kurz darauf Lee Harvey Oswald festgenommen, der die tödlichen Schüsse aus dem fünften Stock des Schulbuchdepots des Staates Texas abgefeuert haben soll. Doch zu einem Prozess kommt es nicht: Am Tag nach seiner Verhaftung wird Oswald vor laufender Kamera erschossen, und die unterschiedlichsten Verschwörungstheorien sickern in die Welt.

Schon lange lagern im Schulbuchdepot keine Bücher mehr. Stattdessen zeichnet dort das Sixth Floor Museum die Ereignisse rund um den Präsidentenmord in reicher Detailfülle nach. Ein erschreckendes Kapitel amerikanischer Geschichte, das gleichermaßen erschüttert und fasziniert. Besonders der Blick aus dem Fenster, aus dem Oswald die tödlichen Schüsse abgefeuert haben soll, verstört.

Noch lange Zeit nach dem Attentat galt Dallas vielen als Brutstätte erzkonservativer Aktivisten und rechtsradikaler Hetzer, und die Stadt war als City of Hate, Stadt des Hasses, gebrandmarkt.

Big D

Modernes Dallas: City Hall von I.M. Pei (1978)Von diesem Image hat Dallas mittlerweile erfolgreich befreit. Mit dem Aufkommen der Computer- und Telekommunikationsindustrie erlebte die Stadt einen neuen Aufschwung. Mitte der 1970er-Jahre setzte ein gewaltiger Bauboom ein, der die moderne Skyline von “Big D” formte.

Obwohl Dallas offiziell zu den elf Weltstädten der USA zählt, ist als Tourist davon wenig zu spüren. Doch die Melange aus Wildwest-Erbe, Ölreichtum, Computerindustrie und Kunstleidenschaft hat schon etwas sehr Eigenes: Neben den modernen und postmodernen Bauten von Philip Johnson, I.M. Pei und John Burgee treiben Bronzecowboys eine Herde Bronzerinder durch die Stadt. Das NorthPark Center, eine gigantische, elegante Shopping-Mall, wird durch zahlreiche großformatige Arbeiten von Künstlern wie Jonathan Borowsky, Joel Shapiro oder Mark di Suvero zum Skulpturenpark. Und eingebettet zwischen den Glasfassaden der Hochhäuser ruht auf grünem Rasen ein riesiger Augapfel…

Kühe und Kultur

Rund 50 Kilometer westlich von Dallas liegt Fort Worth. Mitte des 19. Jhd., zur Zeit des Mexikanisch-Amerikanischen Kriegs, wurde die Stadt als Außenposten der U.S. Army gegründet. Dann kam die Eisenbahn und machte Fort Worth zu “Cowtown”, einem wichtigen Viehhandelszentrum. Es folgten die Cowboys und Glückssucher, die Prostituierten und Rodeoclowns. Schon bald war die raue Westernstadt berühmt und berüchtigt. Auch Butch Cassidy und Sundance Kid sollen hier Quartier bezogen haben.

Stock Yards: wo Cowtown sein Wildwest-Erbe pflegt und vermarktetNach wie vor schlägt Fort Worth Kapital aus seinem Ruf als Cowboystadt. Im Stadtteil Stockyards findet zweimal am Tag ein Kuhtrieb durch die Hauptstraße statt. Die Saloons sehen aus wie nie geputzt, links und rechts daneben Western-Stores und Cowboys auf Pferden, die Handzettel für die Rodeoshow am Nachmittag verteilen. Es kommt uns vor wie ein großes Freiluftmuseum.

Doch dann gibt es da die andere, überraschende Seite von Fort Worth, die so gar nicht zum Cowboy-Image der Stadt passt. Wer hätte schon einen echten Caravaggio oder Rembrandt im Herzen Texas vermutet? Oder Arbeiten von Gerhard Richter und Anselm Kiefer? Das Kimbell Art Museum und das Modern Art Museum warten mit Sammlungen auf, die sich hinter den großen Museen des Landes nicht verstecken müssen. Dass die Gebäude selbst von den Stararchitekten Luis Kahn, Renzo Piano und Tadao Ando entworfen wurden, ist da fast schon Nebensache.

Nach kurzen drei Tagen trennen sich unsere Wege: Während meine Süße den Rückflug nach San Francisco antritt, warte ich auf meinen Flieger Richtung Milwaukee, wo ich die folgende Woche in Meetings verbringen werde. Gerade als ich mich zu meinem Gate aufmachen will, informiert aus dem Lautsprecher eine verzerrte Frauenstimme darüber, dass mein Flieger aufgrund eines technischen Defekts nicht starten könne und man auf der Suche nach einer Ersatzmaschine sei. Na toll, klingt nach einer langen Nacht…

Fotowand

Filmtipps für die Sofareise

  • Dallas Buyers Club
    Dallas Mitte der 1980er-Jahren. Ein an Aids erkrankter Rodeoreiter beginnt, nicht genehmigte Medikante aus Mexiko nach Texas zu schmuggeln. Oscar-gekröntes Drama mit einem grandiosen Matthew McConaughey
  • JFK – Tatort Dallas
    Oliver Stones ambitionierte Aufarbeitung des Präsidentenmordes. Ein Staatsanwalt findet heraus, dass Kennedy nicht Opfer eines Enzeltäter wurde. Ein Fest für Verschwörungstheoretiker
  • Dallas (TV-Serie)
    Wie wär’s mit einem Wiedersehen mit Miss Ellie, J.R., Sue Ellen, Bobby und Pam? Um alle 357 Folgen zu schauen, bedarf es allerdings einer Menge Sitzfleisch. Und da ist die Neuinszenierung von 2012 noch nicht eingerechnet

  One thought on “Bigger Is Better

  1. Andreas's avatar
    A.
    19. April 2015 at 11:18

    Alles gute Tipps. Leider haben wir die Water Gardens nicht mehr geschafft. Nächstes Mal.
    @Will: Wie ist denn der Link zu Debbie Does Dallas 😉

  2. Will's avatar
    Will
    18. April 2015 at 10:23

    Re: Filmtipps…

    North Dallas Forty!
    http://www.imdb.com/title/tt0079640/?ref_=fn_al_tt_1

    oder…

    Debbie Does Dallas? 🙂

  3. Bob's avatar
    Bob
    13. April 2015 at 02:28

    Hi, zu Forth Worth gibt es noch einen Tipp für die Sofareise:
    Logan´s Run http://www.imdb.com/title/tt0074812/
    Die Flucht gelingt durch eine Wasserlanschaft, den Fort Worth Water Gardens, da haben sie Kosten für die Kulissen gespart 😉
    https://www.google.de/search?q=logan%27s+run+fountain&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ei=JYsrVeLJMYTgyQPN6YI4&ved=0CCoQsAQ&biw=2859&bih=1663&dpr=0.9

    Gruß Bob

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