Nun ist es also passiert. Ich habe nach mehr als zwölf Jahren bei eBay gekündigt. Und es fühlt sich komisch an. Zum einen sind da die Erinnerungen an all die Möglichkeiten, die ich dank eBay hatte; erst in Berlin und seit 2007 in Kalifornien. Dazwischen immer wieder Abenteuer in den europäischen Metropolen sowie längerfristige Arbeitsaufenthalte in Shanghai und Chennai. Und natürlich werde ich meine großartigen Kolleginnen und Kollegen vermissen, von denen viele zu guten Freunden geworden sind. Das ist das weinende Auge.
Mit dem lachenden Auge fiebere ich den neuen, spannenden Herausforderungen entgegen, die mir mein neuer Arbeitgeber bietet. Ich habe bei Kohl’s, einer traditionellen amerikanischen Kaufhauskette angeheuert. Wie alle Einzelhändler muss auch Kohl’s mächtig aus dem Quark kommen, um den Anschluss an digitale und mobile Shopping-Trends nicht zu verpassen.
Das Unternehmen mit Sitz in Menomonee Falls, einem gesichtslosen Vorort von Milwaukee, nimmt hierfür viel Geld in die Hand und hat damit begonnen, ein IT- und Designteam im Silicon Valley aufzubauen. Ich helfe Kohl’s dabei und bin außerdem dafür verantwortlich, die digitale und konventionelle Einkaufswelt der Kunden sinnvoll miteinander zu verzahnen. Das können technische Innovationen sein wie eine virtuelle Umkleidekabine (Video) oder neue Prozesse, wie beispielsweise die Ware online zu bestellen und direkt im Kaufhaus abzuholen. Omni-channel nennt sich das und bezeichnet die Verschmelzung der verschiedenen Vertriebskanäle.
Ach ja, und statt weiterhin Tag für Tag 80 Minuten pro Weg nach San Francisco hin und her zu gurken, sind es zu meinem neuen Büro in Milpitas gerade einmal 20 Minuten Fahrzeit. Wie der Berliner sagen würde: Da kannste nich meckern!
Meinen Antrittsbesuch in der Firmenzentrale mache ich bereits Mitte Dezember. Da Chris und ich vor ein paar Jahren schon einmal in Milwaukee im hohen Norden der USA waren (siehe Spurensuche in Beer Town), weiß ich in etwa, was mich erwarten wird. Kalifornische Temperaturen gehören nicht dazu. Amerikas mittlerer Westen ist berüchtigt für seine strengen Winter mit deftigen Minusgraden und heftigen Schneestürmen. Doch die schneidende Kälte bleibt mir erspart; stattdessen Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt und grieseliges Schmuddelwetter wie in Deutschland.
Doch das Wetter ist nicht der einzige Unterschied zu Kalifornien, auch die Mentalität der sogenannten Midwesterners unterscheidet sich grundsätzlich von der Einstellung und Haltung der Kalifornier. Während im mittleren Westen nach wie vor traditionelle Werte wie Pragmatismus, Familie, Sicherheitsdenken und eine protestantische Arbeitsethik das Zusammenleben definieren – der Einfluss deutscher und skandinavischer Siedler ist unverkennbar –, ist die Lebenswelt in Kalifornien geprägt von schier grenzenlosem Selbstvertrauen, Risikobereitschaft und einem ungebremsten Optimismus.
Besonders bei uns im Silicon Valley wird erwartet, frische Ideen einfach einmal auszuprobieren. Nirgendwo sonst auf der Welt sitzen so viele Startup-Unternehmen und Risikokapitalgeber, angespornt, das nächste große Ding nach Google, Facebook oder Airbnb zu sein. Rund 90% aller Startups scheitern. Macht nichts. Abhaken, unter Lernerfahrung verbuchen und weitermachen mit der nächsten Idee. “Hackerethik” nennt sich das.
Ich bin gespannt, wie und in welchem Ausmaß die unterschiedlichen Kulturen bei Kohl’s aufeinanderstoßen werden. Als Deutscher im Silicon Valley scheine ich gar nicht so schlecht geeignet, das Beste aus beiden Welten zusammenzuführen. Wir werden sehen.

Lese erst jetzt vom Firmenwechsel … Hoffe, Du hast Dich inzwischen gut in der neuen Firmenkultur eingelebt!
Grossartig. Alles Gute!