Crema Catalana und Content-Strategie

Crowd control: Auch für Gaudis Park Güell muss man sich mittlerweile anmelden

Crowd control: Auch für den Besuch von Gaudís Park Güell muss man sich mittlerweile anmelden

¡Claro que si!, hatte ich geantwortet, als mich die Organisatoren der Confab-Konferenz im Mai in Minnepolis eingeladen hatten, auch in Barcelona vorzutragen (siehe Stoßgebet in der Stadt der Seen).

Und hier bin ich nun also und frage mich, ob es nicht vielleicht ein Fehler der Confab-Macher war, die Konferenz ausgerechnet in Barcelona abzuhalten. Steht die Attraktivität der Stadt nicht in arger Konkurrenz zur Attraktivität der Veranstaltung? Modernisme oder Metadaten? Ozean oder Ontologien? Crema Catalana oder Content-Strategie? Und besteht nicht mitunter die Gefahr, dass sich einige Teilnehmer vom Charme Barcelonas bezaubern lassen? Teilnehmer wie ich zum Beispiel?

Meister des Modernisme

Ich bin zum ersten Mal in Barcelona. Fast schon schäme ich mich dafür, habe ich doch im Vorfeld von jedem, dem ich dies erzählte, ungläubige, fast schon mitleidige Blicke erhalten und dann all die guten Tipps, was ich denn alles sehen und unternehmen müsse und wo es die besten Tapas gäbe. Ja, ich bin neu hier, und ich tauche sogleich voll ein in die katalanische Metropole.

Ich beziehe ein Apartment im Exiample, dem Viertel Barcelonas, das zwischen 1860 und 1920 als systematische Erweiterung der Stadt im Stil des Modernisme errichtet wurde. Ideengeber war der Stadtplaner Ildefons Cerdà, der ein einzigartiges, visionäres Konzept des urbanen Zusammenlebens erarbeitete, das sich an den Grundbedürfnissen der Menschen orientierte. Nicht alles davon wurde tatsächlich umgesetzt – seit jeher gibt es Immobilienspekulanten, denen der Profit wichtiger als ist die Vision –, doch allein das, was es zu sehen gibt, ist äußerst beeindruckend. Nicht zuletzt wegen der Bauten eines anderen Genies seiner Zeit: Antoni Gaudí.

Bis dato hatte ich Gaudí in eine Schublade gesteckt mit Architekten wie Friedensreich Hundertwasser: Weltverbesserer mit einem Spleen fürs Bunte und Verspielte. Doch als ich jetzt die Bauten Gaudís hautnah erlebe, mich ein wenig in seine Biografie einlese und seine Arbeiten in den geschichtlichen Kontext Kataloniens einordnen kann, muss ich zutiefst Abbitte leisten. Gaudís einzigartige Formsprache, sein Rückgriff auf organische, der Natur entlehnten Strukturen und seine bis ins kleinste Detail durchdachten Entwürfe, schlagen mich in den Bann: Da hat ein Perfektionist seinen Meister gefunden…

In den freien Tagen rund um die Konferenz versuche ich, so viele Gaudí-Bauten wie möglich zu besuchen. Das ist nicht immer ganz einfach, da Barcelona selbst im Oktober eine Touristenhochburg ist, und die Tickets für die architektonischen Highlights auf Tage ausverkauft sind. Mit ein wenig Koordination und Glück schaffe ich es dennoch, das Stadthaus Palau Güell, den zu Recht jeden Reiseführer zierenden Park Güell sowie den eigenwilligen Apartmentkomplex Casa Milà mit seiner extravagenten Dachterasse zu besichtigen. Und natürlich war man nie richtig in Bacelona, ohne die Sagrada Família besucht zu haben, Gaudís noch immer im Bau befindliches Meisterstück.

Kathedrale im Werden

Die Fertigstellung des Kölner Doms hat rund 600 Jahre gedauert. Das kann man gut nachlesen, doch es ist schwer vorstellbar. Der Grundstein der Sagrada Família wurde 1882 gelegt, mehr als hundert Jahre später ist sie noch immer im Bau. 2026 soll die Kathedrale fertiggestellt sein, rechtzeitig zum 100. Todestag Gaudís. Ob dies gelingt, hängt allerdings von den finanziellen Mitteln ab.

Endspurt: Die Sagrada Família soll 2026 fertiggestellt werdenGaudí war bewusst, dass er die Fertigstellung seiner Kirche nicht erleben würde. Er vertraute darauf, dass folgende Generationen von Architekten den Prachtbau in seinem Sinn, wenngleich in weiterentwickeltem Stil fortführen und vollenden würden. So wie ich jetzt vor der von Baukränen umrankten Kathedrale stehe, müssen sich die Menschen der Renaissance gefühlt haben, die den Bau einer gotischen Kirche begleiteten.

Der Anblick der Fassade ist überwältigend. Doch die wahre kulturelle Reizüberflutung erlebe ich, als ich den Innenraum der Basilika betrete. So etwas habe ich noch nie gesehen: dieses Licht, diese Säulenkonstruktion. Ich bilde mir ein, Symptome des Stendhal-Syndroms zu entwickeln und mache meiner Gemütsbewegung Luft, indem ich erst einmal allen Freunden eine SMS von meiner Ergriffenheit schicke und ganz viele Fotos mache, bis meine Kamera anzeigt: Memory card full. Na toll.

Einszweidrei, im Sauseschritt…

Man wird der Stadt aber keineswegs gerecht, sie auf Gaudí und den Modernisme zu reduzieren. Ebenso beeindruckend sind ihre romanischen Wurzeln und ihr gotisches Erbe. Ein Spaziergang durch das Barri Gòtic, die gotische Altstadt, mit ihrer mittelalterlichen Kathedrale, den engen Gassen und Überresten der Stadtmauer ist eine eindrucksvolle Reise in die Vergangenheit.

Auf der anderen Seite des Spektrums entstehen seit Jahren moderne Bauten renommierter Architekten wie das MACBA, das Museum für zeitgenössische Kunst, von Richard Meier oder das Edifici Fòrum von Herzog & de Meuron. Der Torre Agbar von Jean Nouvel sowie das W Barcelona von Ricardo Bofill haben die Silhouette Barcelonas nachhaltig verändert.

Nach nur einem Tag kenne ich die Metro wie meine Westentasche. (Großartig! Alle zweieinhalb Minuten fährt ein Zug.) Ich fahre kreuz und quer durch die Stadt, und überall finde ich etwas, das mich fasziniert. Ich lasse mich treiben, bummle durch die Gassen der Altstadt mit ihren Bars und Boutiquen, genieße die katalanische Küche und Lebensart.

Doch wie so oft reicht die Zeit vorn und hinten nicht, und am letzten Tag stehen noch immer viele Dinge auf meiner Liste, die ich mir gern angesehen hätte. Es sieht also ganz so aus, dass ich wiederkommen muss; mit ein wenig mehr Zeit und mit Chris im Schlepptau.

Und mein Vortrag? Ach ja, der lief gut.

Fotowand

 Filmtipps für die Sofareise

  • Alles über meine Mutter
    Nach dem Unfalltod ihres Sohnes zieht die Mutter zurück nach Barcelona, auf der Suche nach dessen Vater und um ihr Leben neu zu ordnen. Sensibles, Oscar-prämiertes Melodrama von Pedro Amodóvar
  • L’Auberge espagnole – Barcelona für ein Jahr
    Ein eher konservativer Student aus Paris nimmt an einem Austauschprogramm teil und landet in einer bunt zusammengewürfelten WG in Barcelona. Schwungvolle, gut gelaunte Komödie mit wunderbaren Darstellern
  • Vicky Christina Barcelona
    Zugegeben, Woody Allens Liebeserklärung an Barcelona strotzt vor Klischees und Altherrenfantasien. Was soll’s? Die Story ist amüsant, die Stadt malerisch in Szene gesetzt und Scarlett Johansson hinreißend.
  • Biutiful
    Kontrastprogramm zu Vicky Christina Barcelona: Der kleinkriminelle Uxbal versucht, sich und seine Kinder durchs Leben zu bringen. Er will das Richtige tun und tritt doch eine Tragödie los. Barcelona abseits der Touristenpfade, mit einem hervorragendem Javier Bardem

 

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