Unterwegs

Hit the road: rein ins Auto, das Radio aufgedreht und rauf auf den Highway

Hit the road: rein ins Auto, das Radio aufgedreht und rauf auf den Highway

Im Nachhinein ist man immer schlauer. Würde ich noch einmal 3200 Kilometer in zehn Tagen abreißen und das Urlaub nennen? Wohl kaum. 3200 Kilometer, das ist in etwa die Strecke von Kopenhagen nach Lissabon. Oder eben von Mountain View nach Seattle und zurück. Kurz, man verbringt eine Menge Zeit auf der Straße. Von Mountain View nach Seattle: Road Trip in den Nordwesten der USADabei bin ich eigentlich ein Freund von Roadrips, dieser uramerikanischen Art mit dem Auto durchs Land zu reisen: endlose Highways, in die Jahre gekommene Motels, roadside attractions (“Sehenswürdigkeiten” am Straßenrand), das kleinstädtische Amerika abseits der Touristenpfade. Roadtrips haben etwas Verwegen-Romantisches, einen Hauch von Abenteuer und Freiheit. Ich denke da an Jack Kerouacs Unterwegs, Thelma & Louise oder Easy Rider. Nur eines unterscheidet all diese Helden der Straße von uns: Sie haben alle Zeit der Welt. Ich habe nur zehn Tage Urlaub.

Nachdem Chris und ich uns durch das Highway-Gewirr der Bay Area gekämpft haben, treffen wir schließlich auf die Interstate 5 (I-5), die die gesamte Westküste der Vereinigten Staaten durchzieht. Ab jetzt geht es geradewegs nach Norden.

Kriegsopfer im Nirgendwo

Nach knapp fünf Stunden erreichen wir die Gegend um den Mount Shasta, einen der höchsten Berge Kaliforniens. Doch von dem Berg ist nichts zu sehen. Eine Dunstglocke liegt schwer über der Region. Es riecht ein wenig nach Rauch. Wir fahren von der I-5 ab und landeinwärts, bis wir nach einigen Meilen unsere erste Anlaufstelle erreichen, den Living Memorial Sculpture Garden.

Der Vietnamveteran und Künstler Dennis Smith hat hier in der Abgeschiedenheit Ende der 80er-Jahre ein eindrucksvolles Mahnmal errichtet. In neun Tableaus beschäftigt er sich mit den Auswirkungen von Krieg auf die Beteiligten und die Daheimgebliebenen, mit deren inneren und äußeren Verwundungen.

Die skelettartigen Metallskulpturen wirken zerbrechlich und gebrochen. Eingebettet in eine unwirtliche Landschaft – betont noch durch den dichten Dunst, der einen bleiernen Hintergrund formt –, lösen sie bei uns ein Gefühl aus, das zwischen Anteilnahme und Beklommenheit schwingt. Verstärkt wird der Effekt durch eine Anzahl improvisierter Altäre, die Angehörige von Kriegsgefallenen zwischen den Figurengruppen errichtet haben. Eine intensive Erfahrung.

Dann zurück auf die Interstate und weiter Richtung Norden. Nach einer guten Stunde passieren wir die Grenze zwischen Kalifornien und Oregon. Und dann wird es auch schon dunkel. Wir fahren noch eine weitere Stunde, ehe wir uns in dem unscheinbaren Holzfäller- und Touristenstädtchen Grants Pass ein Motelzimmer suchen.

Von Hauptstadt zu Hauptstadt

Die I-5 zieht sich nicht nur durch die Bundesstaaten Kalifornien, Oregon und Washington, sie verbindet auch deren Hauptstädte Sacramento, (siehe The Banks of Sacramento), Salem und Olympia. Wie praktisch, denken wir uns, können wir sie doch gleich en route abhaken.

Drei Stunden später fahren wir in Salem vor dem Oregon State Capitol vor. Ich bin zugleich erstaunt und erfreut, dass der Bau anders aussieht als erwartet. Die meisten Regierungssitze sind dem Kapitol in Washington, D.C. nachempfunden: klassizistisch, mit Säulenaufgang und imposanter Kuppel. Auch das State Capitol von Oregon sah einst so aus, bis es 1935 durch ein Feuer zerstört wurde. Die neue Architektur folgte dem Geschmack der Zeit und verband eine sachliche Bauhaus-Struktur mit dezenten Art-déco-Elementen. Mir gefällt’s, auch wenn ich nachvollziehen kann, dass so ein kolossaler Klotz nicht jedermanns Sache ist.

Für die Freunde klassizistischer Architektur ist nach zweieinhalb Stunden Fahrt dann aber wieder alles im Lot: Das Washington State Capitol in Olympia ist eine abgespeckte Kopie seines Namensvetters an der Ostküste. Und wahrscheinlich auch das Interessanteste, was Washingtons winzige Hauptstadt mit ihren noch nicht einmal 50.000 Einwohnern zu bieten hat. Abgesehen vielleicht von einem richtig guten Sandwichladen. Und dann heißt es Endspurt. Nach weiteren 90 Minuten haben wir unser erstes großes Etappenziel erreicht und fahren nach Seattle ein.

  One thought on “Unterwegs

  1. Christophe Boyer's avatar
    16. September 2014 at 00:55

    Thelma and Louise kehren nicht zurück, ich hoffe, dass ihr im Gegenteil wieder gesund nach Hause angekommen seid;-)

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