Sobald ich auf dem Minneapolis-Saint Paul International Airport lande, mache ich in Gedanken einen Haken hinter den Bundesstaat Minnesota. Die Landkarte der USA ist mein ganz persönliches Panini-Album. Jeder der 50 Bundesstaaten der USA ist ein Sammelbild für mich, und ich habe das Ziel, alle Staaten mindestens einmal zu betreten. Und so geht es in meinem Kopf: Hab ich, hab ich, brauch ich! Minnesota ist Sammelbild Nummer 35. Jetzt fehlen nur noch 15 Staaten.
Erst die Arbeit…
Doch das ist nicht der wahre Grund, warum es mich hierher, in den hohen Norden der Vereinigten Staaten, verschlägt. Die Organisatoren von Confab haben mich als Redner eingeladen, um über mein Forschungsprojekt in Deutschland von vor zwei Jahren zu referieren (siehe Heimaturlaub).
Confab ist eine Fachkonferenz und Netzwerkveranstaltung für Content-Strategen, Informationsarchitekten, Online-Redakteure und sonstige Vertreter der digitalen Medien, deren kryptische Berufsbezeichnungen noch keinen Eingang in den Duden gefunden haben. Kurz, hier finden sich viele kluge Leute, die sich klug ausdrücken können. Die Veranstalter übernehmen Reise- und Hotelkosten, und es gibt sogar ein Sprecherhonorar. Nicht schlecht, doch damit steigt auch der Erwartungsdruck: This better be good!
Ich investiere im Vorfeld viel Zeit in die Vorbereitung und leiste mir sogar eine Kommunikationstrainerin von der Standford-Universität, die mir hilft, meiner Präsentation den letzten Schliff zu geben und meine Rhetorik zu verfeinern. Ich übe stundenlang, ich fertige Stichwortkarten an – eigentlich bin ich gut vorbereitet. Allerdings kann ich nicht leugnen, dass ich die Nächte vor meinem Auftritt vor Aufregung nur wenig schlafe. Hoffentlich geht das mal gut!
Doch als ich letztlich verkabelt auf dem Podium stehe, der Kameramann die Linse scharf stellt, die Zuhörer ihre Laptops aufklappen, und die Anmoderation erfolgt, ist alles Lampenfieber schlagartig verflogen. Nach ein, zwei Minuten lege ich die Stichwortkarten beiseite. Alles ist präsent und abrufbar. Ich schlüpfe in meine Bühnenpersona und biete die nächste Stunde eine souveräne Vorstellung. Auch auf Nachfragen habe ich patente Antworten. Freundlicher Applaus. Dann ist die Zeit auch schon um und ich steige selig erschöpft und zugleich von mir selbst überrascht von der Bühne. Na, das war ja mal eine interessante Selbsterfahrung.
Den Veranstaltern hat es offenbar auch gefallen: Sie fragen sogleich an, ob ich auch als Sprecher auf ihrer europäischen Konferenz Ende September in Barcelona zur Verfügung stehe. – ¡Claro que si!
…dann das Vergnügen
Ich hänge zwei Tag an die Konferenz, um mir einen Eindruck von Minnepolis, der Stadt Seen, zu verschaffen. Noch immer stellen deutschstämmige Amerikaner rund ein Viertel der Bevölkerung. Weitere 20 Prozent der Einwohner haben norwegische oder schwedische Wurzeln. Das kulturelle Erbe wird stolz aufrecht erhalten: Immer wieder schimmern die entsprechenden Landesflaggen im Stadtbild durch, Plakate weisen auf deutsche oder schwedische Veranstaltungen hin. Auch die Temperaturen sind nordisch: Ich mag es kaum glauben, doch ich entdecke tatsächlich einen zart vor sich hin schmelzenden Schneeberg. Wohlgemerkt, wir haben Anfang Mai.
Mit dem Fahrrad lässt sich die 400.000-Einwohner-Metropole gut erkunden. Ein Konglomerat verschiedener architektonischer Ausprägungen definiert den Stadtkern: Von Neoklassik und Art déco über den internationalen Stil und Brutalismus, bis hin zur Postmoderne ist alles vertreten.
Unter den Highlights befindet sich die Basilica of Saint Mary, die ältesten Basilika der USA. Oder das Walker Art Center, das als eines der besten zeitgenössischen Museen der USA gilt, und das mich mit einem imponierendem Anbau des Architektenbüros Herzog & de Meuron sowie einer großartigen Jim-Hodges-Ausstellung beeindruckt. Das von Frank Gehry entworfene Weisman Art Museum hingegen ist ein wenig zu verspielt geraten.
Das Mill City Museum erinnert an die Zeit der Getreidemühlenindustrie zwischen 1880 und 1930, die das Wachstum der Stadt maßgeblich vorantrieb. Auf ihrem Höhepunkt nutzten 34 Mühlen die Wasserkraft des Mississippi, und Minneapolis wurde zu einem der wichtigsten Umschlagplätze für Mehl und Getreide. Doch dann war die Industrie nicht länger von Wasserkraft abhängig, und andere Städte liefen Minneapolis den Rang ab. Die Mühlen wurden geschlossen. Als dann auch noch ein Großbrand durchs Mühlenviertel tobte, war deren Schicksal endgültig besiegelt.
Leider reicht die Zeit gerade einmal für eine Stippvisite von Saint Paul, der frankophilen Nachbarstadt von Minnepolis und Hauptstadt Minnesotas. Ein gehetzter Besuch der namensgebenden Cathedral of Saint Paul sowie ein schnelles Foto vom State Capitol ist alles, was ich an Erinnerungen mitnehme, bevor ich auch schon wieder auf der Rückbank eines Taxis sitze, auf dem Weg zum Flughafen.
Fotowand
TV-Tipp für die Sofareise
- The Mary Tyler Moore Show
Sorgen und Nöte einer Reporterin in Minneapolis. Lange vor Ally McBeal oder Sex and the City stellt die Komödienserie eine selbstbestimmte, emanzipierte Frau in den Mittelpunkt. (Trailer)

Auch von mir herzlichen Glückwunsch zu dieser offensichtlich erfolgreichen “Prüfung”. Super! Es drückt dich, deine Schwester
Applaus, Applaus, eine ganz tolle Leistung von Dir. Wir sind sehr stolz.
Deine Eltern