Es ist fast acht Jahre her, dass ich das letzte Mal in Shanghai war. Schon damals hat mich die 23-Millionen-Metropole in den Bann geschlagen. Und so bin ich hellauf begeistert, für StubHub wieder hier sein zu dürfen: Ich bin Teil einer Delegation, damit beauftragt, die Arbeitsprozesse mit unserem chinesischem Designteam aufzusetzen.
Das heißt, eine Woche lang Meetings von morgens bis abends, Präsentationen und Vorträge. Doch die Wochenenden davor und danach gehören mir. Ich bin gespannt, wie sehr sich die Stadt verändert hat. Hier ein paar Eindrücke:
Frühnebel
Ich wünschte es ist der Frühnebel, der sich vom Huangpu erhebt und die östliche Flussseite mit ihren Wolkenkratzern in der zarten Morgensonne wie eine romantische Märchenlandschaft erscheinen lässt. Doch ich weiß es besser: Das hier ist kein Frühnebel, das hier ist Smog. Und was da so diesig die Sonnenstrahlen filtert, sind keine feinen Nebeltropfen, sondern Feinstaubpartikel. Seit Tagen liegt ein dichter Smogschleier über der Stadt. Man kann etwa 500 Meter weit sehen, dann verschwinden die Bürotürme im schmutzigem Gelbgrau.
Ein AQI (Air Quality Index) von 100 wird als gerade noch akzeptabel erachtet. Im nur 180 Kilometer entfernten Hangzhou mit seinem mächtigen Westsee liegt der AQI bei 43, also alles im grünen Bereich. In Shanghai wird am selben Tag ein Wert von 198 gemessen. Mein Kollege Fazeel meint, er könne den Smog regelrecht schmecken. Das kann ich nicht, doch auch ohne den Geschmack auf der Zunge weiß ich, dass das Leben unter der gelbgrauen Glocke nicht gesund sein kann.
Alt und neu
Mitte des 19. Jahrhunderts fassten westliche Mächte Fuß in China, sei es durch Handelsabkommen oder Krieg. Shanghai wurde zum wichtigsten internationalen Handelszentrum zwischen Ost und West. Franzosen, Russen, Engländer, Deutsche und Amerikaner bestimmten das wirtschaftliche und kulturelle Leben der Stadt und brachten Shanghai in den 1920er- und 30er-Jahren den Ruf als “Paris des Ostens” ein.
Die japanische Invasion, der Zweite Weltkrieg und Maos Kulturrevolution ließen Shanghai jahrzehntelang in ökonomischer wie kultureller Bedeutungslosigkeit versinken. Erst das Umdenken der Parteiführung Anfang der 1990er-Jahren, hin zu einem pragmatischen Kommunismus, führte in Shanghai zu einer wirtschaftlichen Renaissance – und dem Streben nach Reichtum.
Gerade dieses Zusammentreffen von Alt und Neu ist es, was mich an der Stadt fasziniert: Während auf der westlichen Seite des Huangpu der sogenannte “Bund” das historische Shanghai der 1920er-Jahre abbildet, wird auf der östlichen Flussseite das Shanghai der Zukunft gebaut. Über kurz oder lang wird das Neue über das Alte siegen; mehr und mehr Viertel in klassischer Shikumen-Bebauung werden abgerissen, um Platz zu schaffen für moderne Wohnsilos.
In den Himmel gebaut
Überall schießen sie in den Himmel. Es heißt, dass es in Shanghai mittlerweile mehr als 3000 Wolkenkratzer gibt, weitere 2000 sollen bis zum Jahr 2020 stehen. Besonders in Pudong sind nach oben keine Grenzen gesetzt.
Noch bis Anfang der 1990er-Jahre war Pudong landwirtschaftliches Nutzland. Dann setzte der Bauboom ein, und innerhalb von zwanzig Jahren entstand Chinas wichtigstes Wirtschafts- und Finanzviertel. Der ikonische Oriental Pearl Tower, der Fernsehturm der Stadt, avancierte zum Markenzeichen des modernen Shanghai.
Kaum wurde neben dem Jinmao Tower der größte Flaschenöffner der Welt, das Shanghai World Financial Centre, aus dem Boden gestampft, arbeitet man auch schon mit Hochdruck am Shanghai Tower, der mit über 600 Metern das zweithöchste Gebäude der Welt werden soll. Bei Nacht erinnert Pudong and die Kulisse von Blade Runner (Video). Mit dem Unterschied, dass nichts hier Science-Fiction ist.
Servicedenken
Am liebsten möchte ich ihr sagen, sie soll doch bitte Schnecken schubsen gehen. Doch dazu reicht mein Chinesisch nicht aus. So serviceorientiert das auch gedacht sein mag, es geht einem schon ein wenig auf die Nerven, wenn man jederzeit und allerorts eine Servicekraft hinter sich spürt. Beim Essen etwa, wo ich das beklemmende Gefühl nicht loswerde, dass mir mein zugeteilter Kellner jederzeit ein Stäbchen in die Schultern rammen wird. Beim Bummeln durch die Boutiquen, wo mir die kleine Verkäuferin unterm Arm dabei zuschaut, wie ich die Kleiderstangen durchforste. Oder im Museum, wo mir eine Museumsführerin wie ein Schatten auffällig unauffällig von Bild zu Bild folgt – nur für den Fall, dass ich eine Frage zum Künstler habe. Dass sie gar kein Englisch versteht, ist nebensächlich.
Unfallstatistik
Zu gern würde ich mir mal die Unfallstatistik von Shanghai ansehen. Sie muss immens hoch sein. Oder ich habe einfach nur Pech, dass ich in den fünf Tagen, in denen ich vom Hotel ins Büro gefahren werde, gleich zweimal in einen Unfall verstrickt werde.
Gleich am Montagmorgen schrammen wir beim Abbiegen in eine Luxuskarre. Schnell sammelt sich eine Traube von Menschen am Unfallort, die wild gestikulierend auf unseren verschüchterten Fahrer einreden. Ich werde das ungute Gefühl nicht los, dass einige von ihnen bereits als Denunzianten in Maos Roter Garde gedient haben. Relativ zügig kommt die Polizei und nimmt den Unfall auf. Maos Garde verstreut sich, es geht weiter.
Am letzten Arbeitstag erwischt es mich ein weiteres Mal. Wieder auf dem Weg ins Büro. Ein Rumms, Glas splittert. Ich werde nach vorne gestoßen. Na toll, denke ich, Schleudertrauma in Shanghai. Das kann ja lustig werden. Während ich mir den Nacken massiere, höre ich, wie sich die Fahrer draußen anbellen. Ein paar Scheine wechseln den Besitzer, dann steigt mein Chauffeur wieder ein, mustert mich kurz mit besorgtem Blick und startet das Taxi: “Sorry, sir, for trouble.”
Duōchīdiǎn – Hau rein!
Essen nimmt einen gewichtigen Platz im Leben der Chinesen ein. Besonders nach den Hungerkatastrophen der 1950er- und 1960er-Jahre scheint es zumindest bei der Mittelschicht zu einer Überkompensation gekommen zu sein. Ob Lunch oder Dinner – unter zehn Gerichten geht gar nichts. Am liebsten zehnmal Fleisch. Doch meine Kollegen nehmen dankenswerterweise Rücksicht auf den Pescetarier in ihren Reihen.
Im Gegensatz zur Szechuan- oder Hunan-Küche, für die das Gerücht geht, dass manch einer aufgrund ihrer Schärfe aus den Latschen gekippt und nicht wieder aufgestanden sei, nimmt sich die Shanghai-Küche extrem zahm aus. Die Gerichte sind in der Regel mild, mit einem Stich ins Süßliche.
Die regionale Spezialität sind Hairy Crabs, Wollhandkrabben aus dem Huangpo. Doch ich verstehe den Hype nicht: Da frickelt die Servierkraft 10 Minuten herum, um das arme Schalentier in seine Einzelteile zu zerlegen, für einen Esslöffel voll Krebsfleisch. Da geht bei mir die Kosten-Nutzen-Rechnung nicht auf.
Und auch so einiges andere, was hier als Delikatesse auf den Tisch kommt, ist für Langnasen gewöhnungsbedürftig. Wie wär’s etwa mit mariniertem, in feine Scheiben geschnittenem Dickdarm, weichgekochter Schildkröte, die man wie eine Brotsuppe direkt aus dem Panzer löffelt (den man übrigens auch essen kann), Quallensalat oder frittiertem Ochsenfrosch? Bestellt beim nächsten Restaurantbesuch einfach mal eines der Gerichte, die nur auf chinesisch ausgewiesen sind, und lasst euch überraschen.
Anything goes!
Seit meinem letzten Besuch vor acht Jahren hat sich die Skyline Shanghais deutlich verändert, und das U-Bahnnetz ist von 3 auf 12 Linien mit über 290 Stationen ausgebaut worden.
Sobald man auf die Straße tritt, wird man eingesogen in den Mahlstrom dieser rasant wachsenden Stadt. Schneller! Höher! Weiter!, scheint die Maxime.
Versinnbildlicht wird dieses Anything goes! auch durch den Maglev, die Magnetschwebebahn, die Pudong mit dem Flughafen verbindet. Dies ist der Transrapid, der in Deutschland entwickelt, aber nie gebaut wurde. Hier steht sie nun also, die Teststrecke. Mit einer reduzierten Höchstgeschwindigkeit von 300 Stundenkilometern legt der Zug die 30 Kilometer zum Flughafen in nur 8 Minuten zurück. Faszinierend, um es mit den Worten von Mr. Spock zu sagen.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die Investition in dieses Vorzeigeprojekt rechnet, dafür ist die Strecke zu unpraktisch und das Ticket zu teuer. Doch der Maglev setzt ein deutliches Zeichen für Shanghai: Wir sind die Zukunft!
Fotowand
Filmtipps für die Sofareise
- Suzhou River
Stilvoll-melancholische Mystery-Story in Anlehung an Hitchcocks „Vertigo“. Aufgrund parteikritischer Aussagen in China verboten („sold out“…) - Gefahr und Begierde
Shanghai in den 1930er-Jahren. Die junge Wang Jiazhi ist der Köder in einem Mordkomplott gegen einflussreichen Kollaborateur. Doch sie erliegt seiner Ausstrahlung. Schöne Bilder von Ang Lee - Code 46
Anrührendes Drama in einem Shanghai der Zukunft, das gar nicht so anders aussieht als heute. Filmjuwel von Michael Winterbottom mit Tim Robbins - City of Trance
Das Leben zwischen Garküche, Nachtclub und Großbaustelle. Stimmungsvolles Porträt einer Generation auf der Suche nach Nähe und Identität
Buchtipps für die Sofareise
- Tim und Struppi: Der blaue Lotos
Kolonialmächte, Geheimbünde und Opium –Tims Abenteuer im Shanghai der 1930er-Jahre. Klassiker von Hergé und mein Lieblingsalbum - Shanghai Baby
Provokanter, erotischer Roman von Wei Hui, der die Verwestlichung Chinas feiert – und sogleich von Chinas KP verboten wurde. - Deine Nacht, mein Tag
Sex, Drogen und die Suche nach dem ultimativen Kick. Semi-autobiografische Beschreibung der Subultur Shanghais von Chinas bad girl Mian Mian






