Go West!

Auf zu neuen Ufern: Der Gateway Arch erinnert an den Aufbruch der Siedler gen Westen

Auf zu neuen Ufern: Der Gateway Arch erinnert an den Aufbruch gen Westen

Meet Me In St. Louis ist ein Film aus den 40er-Jahren, den ich nie gesehen habe. Dennoch wollte ich schon immer einmal in die Stadt am Mississippi. Denn in St. Louis steht der Gateway Arch, eine der großen Sehenswürdigkeiten der USA.

Es ist bereits Nacht, als wir auf der I-64 nach St. Louis einfahren. Schon von weitem sehen wir den Gateway Arch, wie er sich elegant schimmernd vor der erleuchteten Skyline erhebt. Allein dieser Anblick hat die weite Reise gelohnt. Blöd nur, dass ich nirgends anhalten kann, um den Moment fotografisch festzuhalten. So müssen wir uns noch ein wenig gedulden, bis wir uns den Bogen näher ansehen können.

Kurze Nacht: Chris checkt aus dem schicken, aber lautem Moonrise Hotel ausWir checken ein im Moonrise Hotel, einem Boutiquehotel in St. Louis’ Hipsterviertel. Nach ein, zwei Absackern in der Hotelbar fallen wir todmüde gegen 2 Uhr morgens ins Bett.

…und werden nur fünf Stunden später von dem durchdringenden Gedröhn eines Betonbohrers aus dem Tiefschlaf gerissen. Ich sitze senkrecht im Bett. Und da stimmt auch schon eine Schleifmaschine in die Kakophonie ein. Was zum Teufel…?

An der Rezeption erfahre ich von der zerknirschten Rezeptionistin, dass das Hotel die Dachterrasse vergrößern würde und die Bauarbeiten wohl noch einige Wochen andauern würden. Keine Viertelstunde später stehen Chris und ich Trolley bei Fuß in der Lobby und checken aus.

Eine kurze Internetsuche später finden wir im Hotel Ignacio eine neue Bleibe für die restlichen Tage. Dann geht es endlich los.

Mit seinen gut 300.000 Einwohnern ist St. Louis nicht einmal halb so groß ist wie San Francisco und passt ein Dutzend Mal in Berlin hinein. Doch für seine Größe hat St. Louis durchaus einiges zu bieten.

Zwei Trolleys auf Reisen: St. Louis Art MuseumZum Beispiel das St. Louis Art Museum, das elegant auf einer Anhöhe im Forrest Park thront. Im Sommer muss es hier traumhaft schön sein, wenn statt kahler Bäume und bleiernem Himmel ein sattes Grün und strahlender Sonnenschein die Kulisse bilden. Im Sommer dieses Jahres wird auch der moderne Anbau von David Chipperfield eröffnet, in dem dann die Kollektion zeitgenössischer Kunst zu sehen sein wird, derentwegen wir extra hierhergekommen sind. Bis dahin sind die Werke im Depot verstaut.

Der Delmar Loop bietet neben einigen netten Läden und Cafés die Midwest-Variante von Hollywoods berühmten Walk of Fame: Gut einhundert Persönlichkeiten, die aus St. Louis stammen oder in besonderer Weise mit der Stadt in Beziehung stehen, werden mit einer Bronzetafel im Asphalt geehrt. Tennessee Williams etwa hat hier seinen Stern, ebenso wie Charles Lindbergh, John Goodman und Josephine Baker (wer hätte das gedacht).

Baseballfans ist die Stadt wegen der St. Louis Cardinals ein Begriff, einem der erfolgreichsten Teams der Major League Baseball, vergleichbar vielleicht mit Borussia Dortmund in der Bundesliga. (Uli, korrigier mich, falls ich mit meiner Expertenmeinung danebenliegen sollte.)

Und dann ist da natürlich der im wörtlichem wie bildlichem Sinn alles überragende Gateway Arch. Der 192 Meter hohe Bogen ist das Herzstück des Jefferson National Expansion Memorial, einer Gedenkstätte zur Erinnerung an die US-amerikanische Besiedlung des Landes vom Mississippi bis zur Pazifikküste.

Denn erst der Kauf der französischen Kolonie Louisiana durch Präsident Jefferson 1803 schuf die Voraussetzung für eine westliche Expansion der Vereinigten Staaten. Eingeleitet wurde sie im Folgejahr von St. Louis aus durch die legendäre Lewis-und-Clark-Expedition: In eineinhalb Jahren gelangten die Pioniere an den Pazifik. Von da an hieß es: Go West!, und der Ansturm auf den neu gewonnenen Siedlungsraum begann.

Der Bogen kann daher auch als Repräsentation des American Spirit interpretiert werden: dass man nämlich mit Mut, Intelligenz, Durchsetzungskraft und harter Arbeit alles erreichen kann.

Pure Form: Elegant wölbt sich der Gateway Arch in den HimmelSpannender noch als die Geschichte ist der Bau selbst, der in der Fachwelt als ein herausragendes Beispiel zeitloser moderner Architektur gepriesen wird. Der Effekt ist auch ein halbes Jahrhundert nach seiner Fertigstellung 1965 überwältigend: Wie mit perfektem Schwung in den Himmel gepinselt, erinnert der Bogen eher an eine Zeichnung als an ein Monument. Die Materialität scheint nahezu aufgehoben, der Edelstahl wirkt federleicht.

Stararchitekt Eero Saarinen hat den Gateway Arch bereits Ende der 1940er-Jahre auf der Grundlage komplexer mathematischer Berechnungen und unter der Verwendung modernster Fertigungstechniken entworfen. Doch es vergingen 15 Jahre, bis der erste Spatenstich getan wurde und der Entwurf in die Tat umgesetzt wurde. Saarinen selbst hat dies nicht mehr miterlebt: 1961 starb er mit nur 51 Jahren an einem Gehirntumor. Der Gateway Arch ist sein Vermächtnis.

Und dann geht es auch schon wieder zurück nach Hause, diesmal über Denver. Schneegestöber und Flugzeugenteisung sorgen für Verspätung. Als wir schließlich mitten in der Nacht die Tür aufsperren, blinzelt uns ein verschlafener Stubentiger an. Es dauert ein paar Sekunden, bis Randy erkennt, wen er da vor sich hat. Doch dann springt er erfreut auf und läuft mauzend und mit erhobenem Schwanz auf uns zu.

Fotowand

Filmtipp für die Sofareise

  • Monument to the Dream
    Faszinierende, Oscar-nominierte Dokumentation über die Konstruktion des Gateway Arch von 1967. (Trailer)

Buchtipp für die Sofareise

  • Die 27ste Stadt
    Politische Machtstreben, Terror und Überfemdungsängste lassen den amerikanischen Traum in einem Albtraum enden. Vielschichtiger, erzählstarker Debütroman von Jonathan Franzen vor der Kulisse eines maroden St. Louis

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