Wolkenschlacht und Honky Tonks

Drei Akkorde für Nashvegas: Will, Chris und Kath auf dem Weg zum Probenraum

Drei Akkorde für Nashvegas: Will, Chris und Kath auf dem Weg zum Probenraum

Randy schaut uns verwundert an, als wir mit unseren Trolleys aus dem Haus rollern. Mal sehen, wie er die nächsten sechs Tage übersteht. Es ist das erste Mal, dass der kleine Kerl über solch einen langen Zeitraum allein bleibt. Gute Freunde haben sich dankenswerter Weise bereit erklärt, ein paarmal am Tag bei uns vorbeizuschauen, um das Fellknäuel zu füttern, knuddeln und bespaßen. Eigentlich alles gut, und dennoch ist uns ein wenig schwer ums Herz, als wir die Tür ins Schloss ziehen.

Doch nicht allzu lange. Wir drehen Greyhound von Swedish House Mafia (Video) auf, fädeln uns auf den Highway 101 ein, und ab geht’s nach SFO. Unser Ziel ist Nashville, wo wir unsere Freunde Will und Kath besuchen. Es sind mittlerweile gut 15 Monate ins Land gegangen, seit wir die beiden das letzte Mal getroffen haben. Höchste Zeit zu sehen, was in unseren Leben geschehen ist, und uns auf den neuesten Stand zu bringen.

Der Flug von San Francisco nach Nashville dauert rund fünf Stunden mit Umsteigen in Los Angeles. Obendrein gibt es zwischen Kalifornien (Pacific Time) und Tennessee (Central Time) einen Zeitunterschied von zwei Stunden. Pünktlich um 17:25 Uhr fliegen wir in „Nashvegas“ ein und werden auch gleich von Will eingesammelt. In seinem knielangem Wintermantel erinnert er mich an einen verwegenen Revolverhelden auf Seiten der Konföderierten.

Schlacht über den Wolken: General Thomas peilt die LageMein Eindruck verfestigt sich, als wir am nächsten Tag einen Ausflug nach Chattanooga unternehmen, einer geschichtsträchtigen Stadt in der südöstlichsten Ecke Tennessees. Hier hat zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs eine der entscheidenden Schlachten stattgefunden, in deren Verlauf es den Unionstruppen gelang, eine wichtige Stellung der Konföderiertenarmee einzunehmen und in Folge den Bundesstaat Tennessee unter ihre Kontrolle zu bringen.

Strategischer Aussichtspunkt: Blick auf Chattanooga und den Tennessee RiverDas Gefecht am Lookout Mountain ging wegen des aufkommenden dichten Nebels auch als battle among the clouds, als Schlacht über den Wolken in die amerikanische Geschichte ein. Das Bergplateau, von dem aus die Rebellen vergeblich versuchten, die angreifende Nordstaatenarmee zurückzuwerfen, ist heute – wie sollte es anders sein – eine Gedenkstätte. Abgesehen von ein paar Kanonen gibt es allerdings nicht mehr viel zu sehen. Dafür ist der Blick auf Chattanooga und den Tennessee River großartig.

Mit einer Temperatur unter dem Gefrierpunkt und einem eisigem Wind, der uns gnadenlos ins Gesicht schneidet, fühlen auch wir uns auf verlorenem Posten. Schließlich geben wir die Stellung auf und flüchten ins Auto. Will dreht die Heizung auf.

Eine weitere Sehenswürdigkeiten in Chattanooga ist das Hunter Museum of American Art, das uns mit einer spannenden Architektur und einer unerwartet guten Kollektion überrascht. Rembrandt’s Coffee House gleich nebenan ist eine willkommene Abwechslung zur ewig gleichen Starbucks-Latte: Das im klassischen europäischen Kaffeehausstil gehaltene Café verführt uns mit erstklassigen Kaffeespezialitäten, Pralinés, Petit Fours und anderen Leckereien.

Am folgenden Tag geht es nach Downtown Nashville, ins strassverzierte Herz der Countrymusik-Industrie. Auf den ersten Blick wirkt die 600.000-Einwohner Stadt wie fast jede US-amerikanische Großstadt: großflächig und schachbrettartig angelegt, häufig an einem Fluss gelegen, mit einigen mehr oder minder interessanten Hochhäusern im Zentrum und vielen unscheinbaren Gebäuden drumherum. Dazwischen oftmals leere Grundstücke, die als Parkplätze zwischengenutzt werden und ihrer Bebauung harren.

Skyline von NashvilleUnd dennoch strahlt Nashville – oder auch “Nashvegas”, wie die Stadt mit einem augenzwinkernden Verweis auf die Glitzerwelt von Las Vegas genannt wird, – einen gewissen Charme aus. Das mag an dem skurrilem Batman Building liegen, das der Stadtsilhouette ihr charakteristisches Aussehen verleiht. Als Hauptstadt von Tennessee punktet Nashville zudem mit dem State Capitol, dem Regierungssitz. Und wer hätte das vermutet: Es gibt hier einen originalgetreuen Nachbau des griechischen Parthenon-Tempels inklusive einer Nachbildung der antiken Statue der Athena Parthenos. Der Tempel wurde 1897 im Rahmen der Tennessee Centennial and International Exposition errichtet, einer Gedenkfeier zum hundertjährigen Beitrittstag von Tennessee zu den Vereinigten Staaten. Beeindruckend! Und auch der Cumberland River, der sich entspannt durch die Stadt schlängelt, trägt zu einer entspannten Atmosphäre bei.

Doch deswegen kommt man nicht nach Nashvegas. Es ist die Countryszene, die scharenweise Musiker (und Touristen) anlockt. Überall spielen sie: auf der Straße und in den Honky Tonks, den Musikkneipen entlang des Broadway. Die, die es geschafft haben, spielen in den Aufnahmestudios der großen Plattenfirmen ihre Alben ein.

Countrymusik hat mich nie interessiert. Sicher, ab und zu mal Johnny Cash (Video) hören, das geht schon klar. Cash war cool und hat allen den Finger gezeigt. Willie Nelson (Video), dem das gelebte Leben ins Gesicht geschrieben steht, ist auch okay. Doch mit diesem ganzen Cowboyhut-, Präriejodel- oder Trucker-Getue konnte ich noch nie etwas anfangen.

Das hat sich auch mit meinem Besuch im Mekka der Countrymusik nicht geändert: Trucker-Country finde ich nach wie vor dämlich und Präriejodler gehen mir noch immer gehörig auf die Nerven. Doch das sind eben nur einige Countryspielarten. Daneben gibt es alternative Ausprägungen, die musikalisch durchaus interessant sind: Neko Case (Video) etwa, die Drive-by Truckers (Video) oder Creech Holler (Video). Und ja, ich gebe es zu, Tailor Swift (Video) ist auch ganz süß.

Nach einem Bummel durch die Innenstadt heißt es Abschied nehmen; Umarmungen und das Versprechen, nicht erst wieder 15 Monate vergehen zu lassen, bis wir uns das nächste Mal sehen.

Und dann sind Chris und ich auch schon im Mietwagen unterwegs auf dem I-24 Richtung Nordwesten. Unser nächstes Ziel ist St. Louis, etwa fünf Autostunden entfernt. Chris schiebt ihren Sitz zurück, schwingt die Füße aufs Armaturenbrett und nimmt einen Schluck von Ihrer nicht mehr ganz heißen Starbucks-Latte. Im Rückspiegel sehe ich das Batman Building allmählich im Abendlicht verschwinden.

Filmtipp für die Sofareise

  • Nashville
    Country, Konsum und Korruption. Faszinierendes Gesellschaftsporträt von Robert Altman aus den 70-er Jahren. Nicht ganz einfach, aber sehenswert

Post navigation

  One thought on “Wolkenschlacht und Honky Tonks

  1. Andreas's avatar
    Andreas
    19. March 2013 at 14:50

    Hallo Karsten, einfach einen Flug buchen. Zimmer, Bad und Anchor Steam stellen wir dir zur Verfügung. 🙂

  2. Karsten's avatar
    Karsten
    19. March 2013 at 07:47

    wie immer spannend zu lesen, ich würde Will und natürlich Euch auch gerne mal wiedersehen …

Leave a comment

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.