Um das gleich richtig zu stellen, Urlaub war das nur für meine Süße. Ich selbst habe die vier Wochen, die Chris und ich nach gut zwei Jahren mal wieder in Deutschland und England waren, durchgearbeitet.
Aufgrund meines neuen Jobs habe ich den Trip initiieren können: eine Forschungsreise durch die deutschen Lande, um herauszufinden, wie wir das StubHub-Geschäftsmodell – ein Marktplatz für Tickets – am besten in Deutschland platzieren sollten. Natürlich ist diese Reise aber auch ein willkommener Anlass, nach langer Zeit mal wieder unsere Freunde und Familie zu sehen und ein wenig Berliner Luft zu schnuppern.
Von San Francisco, CA nach San Francisco, M
Den Auftakt macht der Süden der Republik: Per Direktflug geht’s von San Francisco nach München. Nachdem wir im charmanten Design Hotel Stadt Rosenheim im beschaulichen Stadtteil Haidhausen eingecheckt haben, nehmen wir den ersten Kaffee auf heimischem Boden im Coffee-Shop gleich nebenan, der San Francisco Coffee Company (ein Münchner Unternehmen!). Fast wie zu Hause. Mit dem Unterschied, dass die Leute hier unverblümt an den Tischen rauchen und nicht verstohlen auf dem Parkplatz um die Ecke. Chris gefällt’s.
Das Wochenende über genießen wir die Stadt in ihren vielfältigen italo-bajuwarischen Facetten: Weißbier trinken beim Augustiner, Bilder gucken in den Pinakotheken und dem neuen Museum Brandhorst mit seiner einzigartigen Cy-Twomby-Kollektion, Schaufensterbummeln in den mondänen Fünf-Höfen, Spezialitäten-Shopping beim Dallmayr, Aperitivo in der Bar Centrale und Dinner im Vinaiolo.
Mein lieber Schwan
Die Idee, einen Abstecher nach Neuschwanstein zu machen, kam uns einige Wochen vor unserer Deutschlandreise in San Francisco. Nach einem Besuch der Legion of Honor wurden wir von einem Amerikaner auf Deutsch angesprochen. Er erzählte uns von seiner Zeit als G.I. in Deutschland und davon, wie sehr er von Schloss Neuschwanstein beeindruckt gewesen sei.
Und da wir nun schon mal vor Ort sind, steht einem Ausflug zum Märchenschloss, gut zwei Stunden südwestlich von München, nichts im Weg. Unsere Freundin Anne-Katrin begleitet uns als sachkundige Fremdenführerin und Chauffeurin. Ein Blick gen Himmel, und wir wissen: Die Sonnenbrille können wir getrost im Hotel lassen. Stattdessen packen wir unsere Regenschirme ein.
Doch das schlechte Wetter hat auch sein Gutes. So scheint es, dass heute weniger Touristenbusse den kleinen Ort Hohenschwangau verstopfen. Wir finden einen Parkplatz mitten im Ort, und innerhalb von 30 Minuten haben wir unsere Eintrittskarten.
Das Schloss und seine Lage sind beeindruckend, und es fällt nicht schwer, die Absicht Ludwig II. zu erkennen, mit dem Märchenschloss dem Schaffen des von ihm hochverehrten Richard Wagner ein melodramatisch-romantisches Denkmal zu setzen. Wagners Opern wie Tannhäuser und besonders Lohengrin, der Schwanenritter, finden Ihren Widerhall in der überbordenden fantasievollen Ausschmückung der gewaltigen Innenräume. Leider sind die Besuchergruppen streng durchgetaktet und es bleibt wenig Zeit, sich in die Atmosphäre der einzelnen Räume und Säle einzufühlen.
Auf getrennten Wegen
Nach München teilen sich Chris und mein Weg: Während sie zu ihrer Familie nach Hannover fährt, heißt die nächste Station für meine Nutzerstudie Köln.
Neben der Arbeit finde ich zum Glück die Zeit, wenigstens den Kölner Dom zu besichtigen. Nicht zum ersten Mal, doch wieder schlägt mich die imposante gotische Kathedrale in den Bann. Auch die von Gerhard Richter entworfenen und nicht unumstrittenen Domfenster mit ihren 10.500 Farbfeldern gefallen mir sehr. Vom Turm aus hat man einen fantastischen Ausblick auf die Kölner Innenstadt mit ihrem verklinkerten 50er-Jahre-Charm, den El Lissizkis Wolkenbügeln nachempfundenen Kranhäusern am Rhein und dem grafischen Kölnturm im Mediapark. Alles in allem eine spannendere Stadt als ich sie in Erinnerung hatte.
Und dann sehe ich nach sechs Jahren auch meinen Patenonkel und meine Patentante wieder. Bei Kölsch und Kallendresser in Hellers Brauhaus gibt es viel zu erzählen.
Unterdessen ist Chris in Hannover angekommen. Nach langer Zeit verbringt sie ein paar Tage mit ihren Eltern, Hilde und Herbert, dem Rest der Familie und ihren Freundinnen aus Jugendtagen. Erstmals kann sie auch der kleinen Jonna Hallo sagen, ihrer neuen Nichte. Nur wird die noch nicht begreifen, dass es da noch eine Tante in Amerika gibt.
Obwohl Chris den Besuch eigentlich locker angehen lassen wollte, sind die Tage doch schnell durchgeplant. Und so hangelt sie sich durchs Welfenland von Frühstückstisch zu Mittagstisch, von Kaffee und Kuchen zu Abendbrot. Wie das halt so ist.
Pikkolöchen auf Gleis 8
Mit dem Zug geht es von Köln nach Lüneburg. Es schüttet wie aus Eimern. Als wir über die Hohenzollernbrücke fahren, sehe ich den mächtigen Dom allmählich hinter dem grauen Regenvorhang verschwinden.
Der Regen peitscht gegen die Scheiben und ich merke die Anstrengungen der ersten Woche. Die nächsten drei Stunden döse ich vor mich hin, bemerke noch, dass wir unter anderem in Bielefeld halten (also doch bloß eine Verschwörungstheorie), und werde erst wieder richtig wach, als ich in Hannover umsteigen muss.
Am Bahnsteig erwartet mich eine herzliche Überraschung: Hilde und Herbert sind gekommen, um mich in Empfang zu nehmen. Hilde zaubert aus ihrer Handtasche für jeden einen Pikkolo hervor – bestimmte Rituale müssen einfach eingehalten werden. Ein kurzer Austausch, und dann geht es leider auch schon weiter. Ich bin gerührt, freue mich, die beiden noch getroffen zu haben. Und wenn auch nur für 20 Minuten.
Chris holt mich in Lüneburg vom Bahnhof ab. Dann ab zu meinen Eltern, wo Mamas gefüllte Paprika auf uns warten. Für einen Moment fühle ich mich zurückversetzt in meine Kindheit. Es kommt es mir vor, als wäre ich nie weg gewesen. Ich genieße die Vertrautheit der Umgebung, das unveränderte Mobiliar und den Duft der dampfenden Paprika in der Kasserolle.
Home, sweet home
Das Wochenende ist ganz unseren Freunden und meiner Familie gewidmet. Es ist bis auf die Minute durchgetaktet.
Samstag: kurzer Stadtbummel, um zu sehen, ob noch alles steht (tut es), denn Stippvisite bei den Patenkinder (meine Güte, seid ihr groß geworden) und Biertrinken mit den Freunden (meine Güte, sind wir alt geworden).
Der Sonntag steht voll und ganz im Zeichen der Familie mit Schwester, Schwager, Nichte, Onkel, Tante und Cousine. Es ist schön, sie alle beim Griechen um die Ecke wiederzusehen und zu hören, was sich so alles im Leben ereignet hat. Darauf einen Ouzo.
Hummel Hummel
Nachts fahren Chris und ich dann noch weiter nach Hamburg, der nächsten Station unserer Deutschlandtour. Wir sind gebucht im mondänen Hotel Vier Jahreszeiten, einer Hamburger Institution direkt an der Binnenalster. Zunächst schmunzeln wie über unser „Plüschhotel“, bevorzugen wir doch in der Regel die modernen Häuser. Schnell jedoch lernen wir den Komfort alter Schule zu schätzen: Doppeltür, begehbarer Kleiderschrank, ein großzügiges Bad und vor allem die Nespresso-Maschine auf dem Zimmer werden ab jetzt unser Vergleichsstandard.
Nach meinem Studium und meiner Zeit als Printredakteur war ich nicht mehr in der Freien und Hansestadt. Das ist jetzt rund zehn Jahre her. Und es ist auch kein Geheimnis, dass ich durch meine Zeit in Berlin eindeutig berlinophil geworden bin. Mal sehen, wie mir nach all der Zeit Hamburg gefällt.
Mit einem Wort: sehr. Zwar haben habe ich wieder nur wenig Zeit, die Stadt zu erkunden, doch was ich sehe, gefällt mir immer noch. Während in meiner Abwesenheit ein ganzer neuer Stadtteil, die HafenCity, aus dem Boden gestampft wurde, die Kulturbaustelle Elbphilharmonie noch immer auf ihre Fertigstellung wartet (wie man sieht, hat nicht nur Berlin das Problem, Großprojekte nicht in den Griff zu bekommen) und der Spiegel aus dem ikonischen Kallmorgen-Hochhaus in seinen gläsernen Neubau umgezogen ist, haben sich die Innenstadt und Viertel wie die Schanze kaum verändert.
Bevor es dann auch schon wieder weitergeht, gönne ich mir noch ein leckeres Matjesbrötchen bei Daniel Wischer. Denn Fischbrötchen gibt es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht. Haben wir hier etwa eine Marktlücke entdeckt?
Koffer in Berlin
Die schnellste Verbindung zwischen Hamburg und Berlin ist zweifelsohne der ICE: Nur eineinhalb Stunden, und wir fahren in den Hauptbahnhof ein. Ich bin begeistert.
Wie nicht anders zu erwarten war, hat sich die Stadt wieder einmal verändert. Besonders im Westen wird gebaut: Das Zoofenster, das unter anderem das Waldorf Astoria beheimatet, hat zwar noch nicht eröffnet, prägt jedoch schon das Stadtbild der City-West. Das Schimmelpfeng-Haus wurde teilweise abgerissen und öffnet dadurch eine neue Sichtachse. Das Bikinihaus ist komplett eingerüstet und wird rundum erneuert, genau wie die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.
Infotafeln zeigen, wie das Areal in ein paar Jahren aussehen soll. Der Breitscheidtplatz wirkt darauf offen, großzügig, hauptstädtisch. Man ist fast geneigt den Hut zu ziehen …wären da nicht die vielen schrabbeligen Bretterbuden, die den Betrachter schnell in die Realität von Currywurst und Batikschal zurückholen. Ein bisschen prollig muss schon sein – dit is schließlich Berlin, wa?
Berlin ist aber auch Geschichte und Kultur, Cafés und Restaurants, Vielfalt und Lebendigkeit. Und vor allem ist die Stadt nach wie vor das Zuhause vieler unserer Freunde. Es ist schön, hier zu sein, und ich bin der festen Überzeugung, dass wir beide, Chris und ich, noch den sprichwörtlichen Koffer in Berlin haben.
Filmtipps für die Sofareise
- Rossini (München)
Kabale und Liebe der Münchner Schickeria beim Chichi-Italiener. Starbesetzte Satire von Helmut Dietl, bei der nicht alle, aber viele Gags zünden. - Die Musterknaben (Köln)
Zwei bodenständige Kölner Ermittler werden von ihren schnöseligen Düsseldorfer Kollegen zur Zusammenarbeit genötigt. Gelungene Krimikomödie - Soul Kitchen (Hamburg)
„Ey Digga!“ Keiner kann das multikulturelle Hamburg so treffend in Szene setzen wir Fatih Akin. Sympatische Komödie mit klasse Soundtrack. - Der Himmel über Berlin (das alte Berlin)
Ein Engel will Mensch werden. Poetischer, leicht verkopfter Kunstfilm von Wim Wenders, der das Westberlin der späten 80er-Jahre stilsicher in Szene setzt. - Sommer vorm Balkon (das neue Berlin)
Zwei Freundinnen schlagen sich durchs Leben und die Liebe. Erstklassig gespieltes, warmherziges Drama mit Schauplatz Prenzlauer Berg













