Kaliforniens Nebenstraßen

Brokkoli und Avocados: ein Ausflug ins Hinterland von Nordkalifornien

Brokkoli und Avocados: ein Ausflug ins Hinterland von Nordkalifornien

San Francisco, Monterey, Carmel, Yosemite – jeder, der bei uns zu Besuch war, hat die Highlights Nordkaliforniens kennengelernt, ist den Highway 1 entlanggefahren, hat Mammutbäume umarmt und Pelikane bestaunt. Ich habe zahlreiche Artikel darüber in diesem Blog geschrieben und zahllose Bilder dazu hochgeladen. Höchste Zeit, die terra incognita dazwischen zu erforschen, das Hinterland Nordkaliforniens, das nicht in den Reiseführern abgebildet ist.

Do you know the way to San Jose?

Bisher haben wir um San Jose zumeist einen weiten Bogen gemacht. Denn obwohl die Metropole im Süden der Bay Area mit fast 1 Millionen Einwohner die zehntgrößte Stadt der USA ist, strahlt sie den Charme eines typischen Silicon-Valley-Managers (blaues Hemd in Khakis) aus – langweilig und ohne Stil. Dieses Mal fahren wir mitten rein.

Und zwar nach Japantown, einem kleinen Viertel in der Nähe des Stadtzentrums und eines von nur noch drei bestehenden japanischen Stadtteilen in den USA. Kirschbäume und Banner, die darauf hinweisen, dass wir jetzt in Japantown sind, säumen die Straßen. Im Zentrum des Viertels steht ein buddhistischer Tempel mit hübsch angelegtem Zen-Garten, daneben viele japanische Restaurants und Souvenirläden. Wer ein Sake-Set, einen Seidenkimono oder einen Satz neuer Shuriken braucht, wird hier fündig. Und die San Jose Tofu Company bietet frisch geschöpften Tofu für die Misosuppe an. Viel mehr ist hier allerdings nicht zu sehen.

Alles so schön bunt hier

Weiter geht’s zum San Jose Flea Market. Mehr als 4 Millionen Besucher pro Jahr bummeln über den angeblich größten Freiluftflohmarkt der Welt. Wir zählen dazu. Nach nur wenigen Schritten befinden wir uns in Klein-Mexiko: Obst- und Gemüsestände, T-Shirt-Buden, Handyhüllen-Höker, Kinderkarussells, sämtliche Gastronomie, und nicht zu vergessen das Möbelhaus, – alles hier befindet sich fest in mexikanischer Hand. Den Soundtrack liefert eine Mariachi-Band (Video).

Wer alle 2700 Stände ablaufen will, legt rund 13 Kilometer zurück. Das schaffen wir nicht, doch wir verbringen fast 2 Stunden zwischen Nopales und Speedy Gonzales (Video), zwischen Piñatas, gusseisernen Pfannen und Votivkitsch. Zum Abschied gibt’s einen Churro auf die Faust. Lecker!

Pilzfest ohne Pilze

Auf dem Highway 101 geht’s weiter Richtung Süden Wir sind die Strecke bereits mehrere Dutzend Mal gefahren, immer nach Monterey oder Pacific Grove. Doch diesmal biegen wir auf halber Strecke ab gen Westen. Zunächst erreichen wir Morgan Hill, eine typische amerikanische Kleinstadt mit weißer Holzkirche im Ortskern.

Einst war Morgan Hill, wie so viele Kleinstädte in der Gegend, eine  Gemeinde von Obst- und Gemüsebauern. Mittlerweile hat sich der Ort jedoch zu einem wohlhabenden Pendlervorort des Silicon Valley gewandelt.

Großer Spaß für die Kleinen: Titanic-Rutsche Wie es der Zufall will, findet gerade das alljährliche Mushroom Mardi Gras-Festival fest, ein Volksfest mit Bierbuden, Fressständen und einigen Attraktionen für die Kurzen. Nicht viel anders als in Deutschland also. Chris und ich fragen uns, wo bloß all die Pilze (Mushrooms) sind, die als Namensgeber des Festivals herhalten müssen. Auf dem Lüneburger Stintfest gibt’s wesentlich mehr Pilzpfannen als hier. Enttäuschend!

Von Morgan Hill winden wir uns auf einer Nebenstraße über den Höhenzug der Santa Cruz Mountains nach Watsonville. Die Strecke ist wunderschön, und wir sind begeistert von den vielen grandiosen Ausblicken, die sich uns bieten.

Alle Wege führen nach Watsonville

Mit Watsonville ist das so eine Sache: Jedes Mal wenn wir nach Monterey gefahren sind, haben wir auf einer Strecke von 50 Kilometern die fünf oder sechs Schilder erblickt, die den Weg nach Watsonville weisen, als ob es das Camelot Nordkaliforniens wär. Und jedes Mal waren wir für den Bruchteil einer Sekunde geneigt, unsere Neugierde zu stillen und den Schildern zu folgen, anstatt direktemang an den Pazifik zu fahren. – “Ach nö, nächstes Mal.” So wurde Watsonville zum Running Gag. Doch diesmal machen wir ernst. Watsonville, wir kommen!

Beweisfoto: Kilroy was hereGut, die 50.000-Einwohner-Stadt ist kein Mythos, sie existiert. Doch das ist dann auch schon das einzig Bemerkenswerte, was es über Watsonville zu berichten gibt. Nichts los hier. Das mag daran liegen, dass Wochenende ist und sich sämtliche Einwohner zum Surfen verabredet haben. Oder schlichtweg daran, dass hier einfach nichts los ist. Zwar stehen an der Hautstraße einige beachtenswerte Gebäude, die noch aus der Pionierzeit zu stammen scheinen. Es ist allerdings unübersehbar, dass der Zahn der Zeit mehr als nur daran genagt hat.

“Salatschüssel der Welt”

Die Gegend um Watsonville ist nach wie vor fest in landwirtschaftlicher Hand. Überall Apfel- und Aprikosenhaine, Erdbeer- und Artischockenplantagen und endlose Reihen von Salatköpfen, die sich meilenweit bis zum Horizont erstrecken, ganz so, wie es John Steinbeck in Früchte des Zorns beschreibt. Nicht ganz zu unrecht wird die Gegend zwischen Watsonville und Salinas halb im Spaß als “Salatschüssel der Welt” bezeichnet.

Es mutet an wie ein Anachronismus. Dabei vergisst man, dass Nordkalifornien bis in die 70er-Jahre Agrarland war. Erst die  boomende Halbleiterindustrie pflügte die Felder und Obstplantagen unter, baute darauf einen gigantischen postmodernen Hightech-Park und nannte ihn Silicon Valley. Apple erinnert mit seinem Firmenlogo (gewollt oder ungewollt) bis heute daran – dort, wo heute die Konzernzentral steht, haben noch vor 30 Jahren Apfelbauern ihre Ernte eingefahren.

Schornsteine am Pazifik

Endstation: Nach 15 Kilometern erreichen wir Moss Landing, und damit den Pazifik. Moss Landing ist ein 200-Seelen-Dorf. Vor 100 Jahren war Moss Landing ein belebter und wichtiger Hafen für Walfischer. Davon ist nichts geblieben. Heute wird der Ort dominiert von dem fast schon surreal anmutendem Gaskraftwerk mit seinen gewaltigen Schornsteinen, die auf über 30 Kilometer hinweg sichtbar sind.

Doch die eigentliche Sehenswürdigkeit sind die Schwärme von Ottern und Seelöwen, die sich hier im Wasser tummeln. Dazu gesellt sich dann der eine odere andere Wal, der auf seiner Wanderroute entlang der kalifonischen Küste eine Verschnaufpause einlegt. Das lese ich jedenfalls. Als wir am Strand stehen, erblicken wir nichts dergleichen. Nur ein Otter, der einsam seine Runden zieht, winkt uns verschmitzt zu.

Bevor wir uns auf den Rückweg machen, kehren wir ein in Moss Landings zweiter Attraktion, dem The Whole Enchilada, einem charmantem mexikanischem Restaurant mit guter Küche und kräftigen Margaritas. ¡Salud!

  One thought on “Kaliforniens Nebenstraßen

  1. chris's avatar
    13. August 2012 at 08:37

    Und dass in deutschen Supermärkten angeblich Erdbeeren aus Watsonville angeboten werden.

  2. Lutz's avatar
    Lutz
    6. August 2012 at 03:22

    Man sollte auch nicht vergessen zu erwähnen, dass im Jahre 1947 eine damals noch unbekannte junge Dame namens Marilyn Monroe im nahe gelegenen Castroville zur Miss Artichoke gewählt wurde!

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