Der letzte Blog-Eintrag ist fast 3 Monate her. Höchste Zeit, den Staub abzuwedeln und ein paar frische Zeilen nachzuschieben, schließlich ist den vergangenen Monaten eine Menge bei Christina und mir geschehen.
Kein Wunder, befinden wir uns doch im Jahr des Drachen: “Es erwarten uns aufregende Zeiten, und wir sind aufgefordert, die Ärmel hochzukrempeln und ehrgeizige Projekte in Angriff zu nehmen. Der Durchbruch, von dem wir träumen, ist jetzt möglich!”
Ein neuer Job ist wie ein neues Leben
Die wichtigste Veränderung ist sicher, dass ich meinen Job gewechselt habe. Ende letzten Jahres wurde mein Team mit einem anderem Team fusioniert, eine neue Chefin übernahm die Gesamtleitung. Ab da hieß es, Schluss mit lustig. Ich wurde auf eine einflussarme Position weggeparkt.
Kurz und gut: Eins führt zum andern und gipfelt schließlich in einer ausgewachsenen Konfrontation. Spätestens seit Stromberg wissen wir, dass das Leben kein Ponyhof ist. Und es liegt in der DNA eines Konzerns, dass Chefs generell am längeren Hebel sitzten. Schon bald lerne ich die dunkle Seite des Unternehmens kennen und muss einsehen, dass ich einen aufreibenden Kampf gegen Windmühlen führe. Zeit zu gehen.
Nun hat bekanntlich alles auch eine gute Seite. Ich stelle fest, dass ich einige wirklich gute Freunde in Kalifornien habe, die mich aufmuntern und tatkräftig unterstützen. Außerdem bin ich jetzt fit in puncto Bewerbungsgespräche. Der härteste Brocken war Facebook: Nach 2 Designaufgaben und einem 8-stündigem Interview-Marathon schaffe ich es in die Endauswahl. Im Finale muss ich mich allerdings geschlagen geben.
Letztlich nehme ich eine Position bei StubHub in San Francisco an. StubHub ist ein Marktplatz für Tickets, von Konzerten und Festivals, bis hin zu Sportereignissen, Musicals und Theatervorstellungen.
In den USA ist StubHub die Ticketbörse Nummer 1. Jetzt will das Unternehmen international expandieren. Anfang des Jahres ging es nach England, für 2013 steht Deutschland auf dem Programm. Ich unterstütze das internationale Team dabei, die Marke im deutschen Markt zu positionieren.
Dass das deutsche StubHub-Büro Im Zentrum Berlins eröffnet werden soll, ist dabei eine willkommene Begleiterscheinung. Und auch, dass mich meine neue Arbeit aller Voraussicht nach wieder häufiger nach Deutschland führen wird.
Zwar ist das Unternehmen seit 12 Jahren am Start und mittlerweile auf knapp 400 Mitarbeiter angewachsen, doch fühlt es sich noch immer an wie ein Start-up: Relikte wie die mittwöchentliche Whiskey- und Weinverkostung, Game Days oder gemeinsame Konzertbesuche und Partyabende schweißen das Team zusammen. Ich fühl mich hier gut aufgehoben.
Das Beste aus beiden Welten
Der Vollständigkeit halber: StubHub ist seit 2007 eine Tochter von eBay. Diese Verbindung hat mich kurz zögern lassen; gern hätte ich einen klaren Schlussstrich unter das Kapitel eBay gezogen.
Da StubHub sein Geschäft jedoch autonom betreibt und seinen Firmensitz in San Francisco hat – also gut 80 Kilometer von San Jose entfernt –, treten die guten Seiten dieser Verbindung in den Vordergrund: Es schadet nie, einen starken Kapitalgeber im Rücken zu haben. Zudem behalte ich sämtliche Sozialleistungen, Zuschüsse und Aktienoptionen. Auch mein Urlaubsanspruch fängt nicht bei 10 oder 12 Tagen an, wie es häufig bei Start-ups der Fall ist.
Arbeiten in einem Start-up-Umfeld, aber Leistungen beziehen, die nur ein Konzern bieten kann – auf den zweiten Blick ist das ein ganz guter Deal.
Tapetenwechsel
Klasse, endlich wieder in der Stadt arbeiten. Das Büro von StubHub befindet sich in einem modernen Wolkenkratzer im facettenreichen Stadtteil South of Market im Herzen San Franciscos. Anders als in den High-Tech-Campus im homogenen Silicon Valley trifft man hier vor der Tür Vertreter des gesamten gesellschaftlichen Spektrums der City.
Dazu zählt neben dem raumgreifenden Finanzjongleur, der sich zur Belohnung in der Mittagspause erst mal
eine Zigarre spendiert, dem schlacksigen Dot-Com-Entrepreneur, der gleichzeitig telefoniert und sich am Indian-Food-Truck seine Kati-Roll bestellt, auch der ganzkörpertätowierte Obdachlose, der mit leerem Blick einen Einkaufswagen mit seinen wenigen Habseligkeiten den Bürgersteig entlang schiebt.
Tapetenwechsel bedeutet aber auch, mich an ein Leben als Frühaufsteher zu gewöhnen. Denn anstatt entspannt 20 Minuten zu eBay zu fahren, hat sich mein Arbeitsweg jetzt vervierfacht. Dabei ist es gleich, ob ich mich mit dem Auto auf dem verstopftem Highway einreihe, mich per Pendlerbus in den Stau chauffieren lasse (wobei mir das ewige Stop-and-go dann auch noch auf den Magen schlägt), oder mit dem Zug nach San Francisco einreite.
Meine derzeitige Routine: in der Morgendämmerung mit dem Bike zum Bahnhof, dann mit dem Caltrain in die City, dort wieder rauf auf den Sattel und mitten durch den Berufsverkehr zum Büro. Da San Francisco für seinen ruppigen, nicht eben fahrradfreundlichen Verkehr berüchtigt ist, habe ich mir erstmals einen Helm zugelegt. Aber nicht so eine windschnittige Lance-Armstrong-Haube, sondern einen Bern Watts.
So schnell geht’s: Innerhalb einer Woche habe ich die Wandlung vom Silicon-Valley- Nerd zum urbanen Hipster vollzogen. Fehlt nur der Gesichtspullover. Doch da erhebt Chris Einspruch.


Hallo Andreas,
habe jetzt erst – nach meinem Urlaub – diesen Blog-Eintrag gelesen. Herzlichen Glückwunsch zum neuen Job! Nun bin ich doppelt gespannt auf Deine Erzählungen, wenn Du nach Berlin kommst.
Bis bald!
Herzlichen Glückwunsch zum neuen Job und viel Erfolg!!!
Gebiet Europa klingt gut, auch wegen der häufigeren Besuche!
Erika
Ich will ein Bild vom urbanen Hipster mit Helm !!
Ansonsten: spannend, spannend
auch Whiskey- und Weinverköstigung hört sich doch gut an…
Solche Erfahrungen mit einer verhaltensoriginellen Vorgesetzten kenne ich (leider) auch nur zu gut. Aber das Leben ist ja auch gerecht: Sie ist immer noch häßlich und Du hast einen neuen Job. Wo eine Tür zugeht, geht auch immer eine auf. Ich freue mich schon sehr auf Deinen Besuch in good old Germany, da sitzt Du sogar näher an der Quelle als in Beer-Town. Mellie freut sich auch schon auf das Kennenlernen …