Wie es in Amerika im Vorfeld von Thanksgiving vielerorts üblich ist, wird der Körper ein wenig auf Vordermann gebracht, um bei der anschließenden Fressorgie kein allzu schlechtes Gewissen zu haben. Und wenn man schon einmal dabei ist, etwas Gutes für sich zu tun, nutzt man den Anlass auch gleich gern, um anderen zu helfen. Man schlägt sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe und sammelt doppelt Karmapunkte. Im Prinzip keine schlechte Idee.
Bei eBay findet Jahr für Jahr die sogenannte Turkey Challenge statt in Anspielung auf das traditionelle Truthahnessen zu Thanksgiving. Das Ziel: abnehmen. Die Herausforderung: Jeweils vier Mitstreiter bilden ein Team und geben vor, wie viele Kilo Körpergewicht sie zusammengenommen innerhalb von vier Wochen verlieren wollen. Stichtag ist Thanksgiving.
Mit einem Fitnesstrainer wird ein Ernährungs- und Ertüchtigungsprogramm ausgearbeitet; dann ist eiserne Disziplin gefordert. Jeden Tag geht es auf die Waage. Wer das angestrebte Ziel erreicht, gewinnt die Turkey Challenge und darf zu Thanksgiving ordentlich reinhauen. Wenn nicht, erntet Spott und Häme und darf sein Schälchen Rosenkohl am Katzentisch genießen.
Um an der Turkey Challenge teilzunehmen zu dürfen, muss jedes Teammitglied 25 Pfund an Nahrungsmitteln spenden. Die Spende kommt Kindern aus armen Verhältnissen zugute. Charity (Wohltätigkeit) ist eine uramerikanische gesellschaftliche Norm, frei nach dem Motto “Wer hat, der gibt”. Und auch hier ist die Idee an sich eine feine Sache: Ich ernähre mich gesund, treibe Sport und helfe gleichzeitig den Unterprivilegierten.
Wenn man sich jedoch einmal genauer ansieht, welche Lebensmittel in der Spendentonne landen, kann man sich schon ein wenig verwundert die Stirn reiben: zuckrige Süßspeisen voller Farb- und Konservierungsstoffe, Dutzende Dosen mit Fertigsuppen oder Pressfleischwürstchen. Hauptsache Gewicht, möchte man meinen, damit die 25 Pfund Antrittsspende schnell abgehakt sind, und man sich endlich in einen gesunden Lebensstil drillen lassen darf.
Dass die gestifteten Nahrungsmittel oft keine gesunden Nährwerte enthalten und dazu beitragen dürften, eine neue Generation übergewichtiger Turkey-Challenge-Kandidaten hervorzubringen, ist dabei Ironie vom Feinsten. Oder übersehe ich gerade etwas?