Nach den Anstrengungen der letzten Zeit freuen wir uns auf ein paar erholsame Tage am Strand von Kerala, um die vielen vielfältigen Eindrücken und Erlebnissen erst mal in Ruhe zu verarbeiten. Wir beziehen ein großzügiges Zimmer im luxuriösen Gateway Hotel in Varkala, einem verschlafenem Küstenort im äußersten Süden Indiens. Dank des guten Freundes eines Kollegen buchen wir zum “Freundschaftspreis”, der in Tat einen bemerkenswerten Preisnachlass bedeutet. Vitamin B …auch dafür ist Indien berühmt und berüchtigt.
Die Tourismusindustrie Keralas wirbt mit dem christlich-muslimischen Slogan God’s Own Country (Land Gottes), und man mag sich fragen, wieso das so ist in einem Land, deren Gesellschaft tief vom Hindusimus durchdrungen ist. Die Antwort: Anders als im Rest Indiens, stellen Christen und Muslime zusammen in Kerala knapp die Hälfte der Bevölkerung. (Zum Vergleich: In Gesamtindien sind lediglich 2,5% der Bevölkerung Christen und 13.5% Muslime.)
Und Kerala bietet noch eine andere Besonderheit: Er ist der einzige Bundesstaat, der seit mehr als 50 Jahren von der – demokratisch gewählten – kommunistischen Partei geführt wird. Die Einwohner erzählen dies mit einem gewissen Stolz. Doch von Kommunismus à la Ostblock keine Spur. Ganz im Gegenteil, um den Tourismus als wachsenden Wirtschaftszweig weiter ausbauen zu können, werden insbesondere private Investoren umworben. Und die Rechnung scheint aufzugehen; Chris und ich sind begeistert vom Service und von der Hilfsbereitschaft, die wir allerorts erfahren.
Unsere Maxime: Wenn wir schon in God’s Own Country sind, dann lassen wir doch den lieben Gott einen guten Mann sein. Und so gehen die nächsten Tage äußerst entspannt ins Land. Wir verbringen viel Zeit am und im Pool, lesen und schlafen viel und bummeln den Strand entlang zum Nordkliff, mit seiner Ansammlung an Herbergen, Shops und Restaurants für Rucksack-reisende. Ich versuche, meinen Blog auf dem Laufenden zu halten, doch klappe irgendwann gleichgültig den Laptop zu – was soll’s. (Daher erfolgen diese Einträge auch mit mehrmonatiger Verspätung.) Stattdessen bestelle ich mir lieber noch ein Bier.
Eine ölige Erfahrung
Abwechslung vom Müßiggang bietet der Besuch eines 2000 Jahre alten Vishnu-Tempels, eine Yogastunde und eine Ayurvedabehandlung. Kerala gilt als Zentrum der Ayurvedalehre, und es wäre doch blöd, das nicht einmal auszuprobieren, wo man schon mal hier ist.
Wir geben uns das volle Programm: Kopf, Rücken, Vorderseite, Arme, Beine, Füße; alles wird mit muffig riechendem Öl massiert und kräftig durchgewalkt. Danach träufelt mir Revi, mein freundlicher Masseur, Öl in die Ohren und in die Nase und Rosenwasser in die Augen. Mit Zimtpulver muss ich anschließend meine Zähne putzen, mit Öl gurgeln und spülen. Dann ins Dampfbad. Der kochend heiße Dampf verbrennt meine Augen und versengt meine Lungen, der glibschige Öl- und Schweißfilm auf meiner Haut gibt mir das Gefühl, dass ich schmelze.
Nach zehn Minuten halte ich es nicht mehr aus. Ich schleppe mich unter die Dusche; nur um festzustellen, dass sich das muffig riechende Öl trotz mehrmaligem Einseifen nicht richtig abwaschen lässt. Revi empfängt mich nach der Abkühlung, reibt mir ein weiteres Pulver ins Haar und verabreicht mir einen Trunk, der nicht nur verdächtig nach Medizin aussieht, sondern auch so richtig nach Medizin schmeckt. Ich verziehe mein Gesicht, und Revi lacht.
Kurzum, es war gut, die Erfahrung einmal gemacht zu haben; ein Ayurvedaanhänger werde ich aber nicht. Im Gegensatz zu Chris, der die Behandlung gut gefallen hat.
Trip durch die Backwaters
Kein Urlaub in Kerala ist komplett ohne einen Ausflug in die Backwaters, eine gute Autostunde nördlich von Varkala. Wir mieten uns ein Hausboot samt Crew. Kaum an Deck, schalten wir in den Relax-Modus. Wir sind gut vorbereitet, haben den Rucksack voller Bücher und Zeitschriften, um uns die Zeit zu vertreiben. Doch alles, was uns in den nächsten sechs Stunden kümmert, ist, dass wir uns auf unseren Liegestühlen nicht allzu viel bewegen.
Körper und Seele kommen zur Ruhe, und wir gleiten in einen Zustand zwischen Wachsein und Schlaf. So schweben wir wie in Trance durch die von Koskospalmwäldern gesäumten Wasserstraßen des Hinterlands. Langsam. Lautlose. Als Filmfreund kann ich nicht umhin, an die Patrouillenbootszene aus Apocalypse Now zu denken. Doch die Fischer, denen wir begegnen, bleiben friedlich. Und wir auch.
Unser Steward sorgt dafür, dass uns der Kaffee nicht ausgeht, und unser Smutje verwöhnt uns mit feinen südindischen Spezialitäten. Chris und ich sind uns einig, dass das ewig so weitergehen kann, und wir sind fast schon enttäuscht, als der Steuermann den Kahn dreht und wir zur Rückfahrt ansetzen.
Eigentlich ist Monsunzeit in Südwestindien. Doch von Regen keine Spur. Seit unserer Ankunft strahlt die Sonne am tiefblauen Himmel, und das satte Grün der Palmwälder bildet einen herrlichen Komplementärkontrast zum tiefen Rot der Sandsteinklippen des Nordkliffs. God’s Own Country, welch treffende Bezeichnung.
Nur am letzten Tag erleben wir den Monsun in seiner ganzen Pracht. Es schüttet nahezu durchgehend von morgends bis abends. Doch das ist in Ordnung. Denn wann hat man schon die Möglichkeit, im warmen Monsunregen schwimmen zu gehen? Und mal ehrlich: drei von vier Tagen schönes Wetter – das ist doch ein guter Schnitt.
