Nachtzug nach Varanasi

Stimmungsvolles Varanasi: für gläubige Hindus die heiligste aller Städte  und ein guter Platz zum Sterben

Stimmungsvolles Varanasi: heilige Stadt der Hindus und ein guter Platz zum Sterben

Mit dem Nachtzug geht es weiter von Agra nach Varanasi. 12 Stunden Fahrt. Kurz vor Mitternacht holt uns unsere Fahrer vom Hotel in Agra ab und chauffiert uns zum Hauptbahnhof. In Deutschland hängen zu dieser Zeit nur ein paar abgerissene Gestalten am Bahnhof ab, an denen der eine oder andere Reisende mit schnellem Schritt vorbeieilt; ansonsten ist es gespenstisch leer. Nicht so in Agra: Menschentrauben stehen vor dem Gebäude und auf den Plattformen, Wartende haben sich zum Schlafen auf den Boden gelegt. Es ist noch immer heiß und schwül, und während wir auf den Zug warten, wehren wir fliegende Händler und Mosquitos ab.

Der Zug fährt ein, und wir bahnen uns mit unseren Koffern den engen Weg duch den Wagon zu unserem Schlafabteil. Auf unserem Ticket steht “AC 2 Tier”, was auf ein Etagenbett in einem klimatisierten Abteil hinweist. So weit, so gut. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass Chris und ich nicht im selben Abteil untergebracht sind: Während ich mein Abteil mit einer dreiköpfigen Familie teile, befindet sich Chris’ Schlafkoje direkt am neonbeleuchteten Durchgang. Immerhin bietet ein Vorhang etwas Privatsphäre.

Die Koje ist extrem schmal, und ich muss mich ganz schön verrenken, um das Bett zu beziehen, ohne dabei meine Mitreisenden aufzuwecken. Irgenwann liege ich dann unter meiner Decke und spüre das Rattern des Zuges, das mich in den Schlaf wiegt.

Einige Stunden später ist es dann vorbei mit Schlafen. Meine Mitbewohner verlassen den Zug, eine neue Famile bezieht die noch warmen Betten. Ein Händler schiebt sich durch den Gang und bietet Kaffee, Tee und Kekse zum Frühstück an. Der Zug rauscht vorbei an Landschaften, die gar nicht so anders aussehen als zwischen Hamburg und Berlin; von dem einen oder anderem Wasserbüffel einmal abgesehen. Ankunft Varanasi, 13:30 Uhr. Wir sind gespannt auf die Stadt.

Spiritualität und Todessehnsucht

Unter Wasser: Der Monsun flutet die GhatsVaranasi, von vielen noch immer Benares genannt, ist nicht nur eine der ältesten Städte Indiens, sie ist auch die heiligste Stadt der Hindus; ein Wallfahrtsort, vergleichbar mit dem Vatikan für Christen oder Mekka für Muslime. Wer als gläubiger Hindu in Varanasi eines natürlichen Todes stirbt, so heißt es, bricht aus dem Kreislauf der Wiedergeburt aus und findet Erlösung im Nirvana. Eine derartige Verheißung zieht natürlich zahllose Alte und Kranke an, die hier am Ufer des Ganges ihre letzten Tage verbringen. Es ist diese tiefe Spriritualität, durchwoben mit einem Hauch Todessehnsucht, die die einmalige Atmosphäre Varanasis ausmacht. So haben wir es uns jedenfalls ausgemalt.

Doch zunächst einmal ist die Atmosphäre von dichtem und lautem Straßenverkehr geprägt. Mühsam kämpft sich unser Fahrer Meter für Meter durch die dreckigen, überfüllten Straßen. Vom Bahnhof zum Hotel sind es nur wenige Kilometer, doch wir sind eine gute Stunde unterwegs.

Unsere Unterkunft kann kaum besser gelegen sein, nur wenige Meter vom Ganges entfernt, direkt an einem der vielen Ghats, der zum Wasser führenden Treppenanlagen, an denen sich die Gläubigen zur rituellen Waschung versammeln und die Toten zeremoniell verbrannt werden.

Stimmungsvoll, doch anders als erwartet

Doch da sind kaum Stufen zu sehen. Durch den Monsun ist der Ganges auf seinen Jahreshöchststand angestiegen; Tempel stehen meterweit im Wasser, die Ghats sind nur noch eingeschränkt begehbar. Der gesamte Bootsverkehr ist auf Tage eingestellt, da die Strömung zu gefährlich ist. Ärgerlich, soll doch Varanasi am stimmungsvollsten sein bei Sonnenaufgang, vom Boot aus gesehen. Daraus wird leider nichts.

Immerhin lässt sich dem Ganzen auch eine positive Seite abgewinnen: Wir können ausschlafen. Außerdem ist der Himmel am nächsten Morgen dicht bedeckt – von stimmungsvollem Sonnenaufgang keine Spur. Die nächsten Tage lassen wir uns durch die Straßen und Gassen treiben, besichtigen die wichtigsten Tempel der Stadt, die Verbrennungsghats und hängen allabendlich bei einer Lemon-Soda (in Varanasi herrscht Alkoholverbot) auf der Terrasse eines Restaurants oder auf den Stufen unseres Haus-Ghats ab. Bereits am zweiten Abend kennen uns die Leute und nicken uns freundlich zu.

Unsere Erkenntins: Wenngleich wir uns die Atmosphäre Varanasis intensiver – durch und durch von Spiritualität durchdrungen – ausgemalt haben, überträgt sich doch eine gewisse Mystik und auch Gelassenheit. Und das fühlt sich gut an.

Fotowand

Geburtsstätte des Buddhismus

Religionswechsel. Wir unternehmen einen Abstecher nach Sarnath, dem Ort, an dem der historische Buddha im Jahr 350 v. Chr. nach seiner Erleuchtung die erste Predigt gehalten haben soll. Sarnath liegt nur einen Steinwurf von Varanasi entfernt, doch bis wir uns durch den dichten Verkehr und die überfluteten Straßen geschoben haben, vergeht wieder einmal eine kleine Ewigkeit.

In Sarnath erwarten uns zunächst einmal Ruinen. Die mögen zwar von historischer Bedeutung sein, doch im Großen und Ganzen liegen da viele dunkelrote Ziegel im Gras. Nicht allzu aufregend. Wäre da nicht die imposante Dharma-Chakra-Stupa, die den genauen Ort markieren soll, an dem der Buddha seinen ersten fünf Schülern das Dharma, die buddistische Lehre, unterbreitet hat. Eine etwas kitschige Nachbildung der Szene findet sich einige Hundert Meter weiter.

Weiter geht’s: Nach einem Zwischenstopp in Delhi fliegen wir in den Bundesstaat Kerala im äußersten Süden Indiens – God’s Own Country. Jetzt beginnt der Erholungsurlaub!

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