Wie aus dem Bilderbuch

Elefanten im Amber Fort: Rajasthan ist für Touristen wahrscheinlich der indischte aller Bundesstaaten

Elefanten im Amber Fort: Rajasthan ist für Touristen der indischte aller Bundesstaaten

Elefanten, Kamele, Paläste, Maharadschas – wie kaum ein anderer Bundesstaat verkörpert Rajasthan das bunte Indien aus dem Bilderbuch. Von Delhi nach Jaipur sind es keine 250 Kilometer. Dennoch sind wir knapp sechs Stunden unterwegs.

Wir sind noch nicht weit gekommen, da haben wir auch schon unseren ersten Zwischenstopp: den aufgrund seiner Form gemeinhin als “Lotustempel” bekannte Bahai-Tempel. Ich hatte zuvor noch nie von den Bahai gehört und bin überrascht, dass sich weltweit um die 8 Millionen Menschen zum Bahai-Glauben bekennen soll; die meisten von ihnen leben in Indien.

Lotustempel der BahaiReligionsstifter war der Perser Baha’u’llah, der Mitte des 19. Jahrhunderts begann, seine Lehre zu verbreiten und rasch eine große Anhängerschaft fand. Ein zentraler Grundsatz der Bahai ist, dass Religion nicht der Vernunft und der Wissenschaft widersprechen dürfe. Als wichtigstes Element der Religion zählt die Nächstenliebe: Religion, die zu Zwietracht führt, verfehle ihren Zweck, und es sei besser, ohne sie zu leben. Das klingt schon mal sympathisch, und ich nehme mir vor, mich nach der Rückkehr etwas näher damit zu beschäftigen.

Nicht nur das Äußere, auch das Innere des Mitte der 90er-Jahre entstandenen Tempels strahlt eine ruhige, anmutige Eleganz aus. Die freistehenden, marmorverkleideten “Blütenblätter” wirken zugleich erhaben und organisch, und es verwundert nicht, dass der Architekt Fariborz Sahba mit mehreren Architekturpreisen ausgezeichnet wurde. Chris erinnert die Architektur an das Opernhaus von Sydney; ein treffender Vergleich.

Dann weiter Richtung Jaipur. Gegen frühen Abend kommen wir in der Hauptstadt Rajasthans an. Für indische Verhältnisse kann man Jaipur mit seinen rund 3 Millionen Einwohnern als Kleinstadt bezeichnen, ohne auf Protest zu stoßen. Merkt man allerdings an, dass die als Pink City berühmt gewordene Altstadt gar nicht rosa, sondern terrakottafarben sei, stößt das schon auf Missmut. Und was soll’s auch: Am Charme der pittoresken Stadt ändert diese Spitzfindigkeit nichts.

Alles nur Fassade: Chris und Andreas entdecken das Geheimnis des Palasts der WindeNeben der einheitlichen Farbe fällt die Symmetrie der Straßenzüge auf. Wie wir von unserem Führer Jawan erfahren, wurde Jaipur Anfang des 18. Jahrhunderts von Maharadscha Jai Singh II. als erste indische Stadt schachbrettartig am Reißbrett entworfen und gebaut. (Neu-Delhi ist die zweite, von den Briten geplante Stadt; Chandigarh ist die dritte, von dem Schweizer Architekten Le Corbusier entworfene Stadt.)

Das Wahrzeichen Jaipurs ist der Hawa Mahal, der “Palast der Winde”. Ein Luftschloss im wahrsten Sinn, denn hinter der reich verzierten Fassadenfront verbirgt sich wenig mehr als ein Treppenaufgang. Die Funktion des Hawa Mahal bestand allein darin, den Haremsfrauen Aussicht auf die Stadt zu gewähren, ohne selbst gesehen zu werden.

Ein weiterer Höhepunkt ist die Sternwarte Jantar Mantar, die hier weitaus besser erhalten ist als ihr Gegenstück in Neu-Delhi. Zudem kann uns Jawan die jeweilige Funktion der 18 archaisch anmutenden Instrumente genau erläutern, mit denen der herrschende Hobby-Astronom seinerzeit die Zeit ablesen, Positionen von Sternen und Planeten bestimmen und klimatische Voraussagen treffen ließ. Aber auch die besten Zeitpunkte für eine Eheschließung wurden hier ermittelt, was zeigt, dass Astronomie und Astrologie miteinander verschmolzen.

Nur 10 Kilometer nördlich von Jaipur liegt das Städtchen Amber mit seinem gewaltigen Fort, das mehr als 600 Jahre lang Herrschersitz der Moguln war. Chris und ich haben auf unserer Reise so Festungen besichtigt, und im Rückblick muss ich sagen, dass das Amber Fort die eindrucksvollste war von allen.

Allein, wie sich die Palastanlage in die steile Berglandschaft einfügt und dabei im Wasser eines Sees spiegelt, ist ein perfektes Postkartenmotiv. Bunt geschmückte Kamele und Elefanten vervollkommnen das Bild und versetzen uns in eine Erzählung aus Tausendundeine Nacht.

Agra FortDie mächtige Festungsanlage ist über einen Zeitraum von 150 Jahren zweimal erweitert worden, wodurch sie einen guten Überblick vermittelt über die kulturellen und religiösen Einflüsse auf den jeweiligen Baustil sowie die baulichen Raffinessen der Zeit wie etwa einem natürlichen Kühlsystem gegen die extremen Temperaturen oder einem Spiegelsaal, der die jeweilige Farbe der Teppiche und Vorhänge ausgeklügelt reflektierte und so die Stimmung im Palast gestaltete.

Eloquent erzählt Jawan die Geschichte des Amber Fort und seiner Herrscher macht auf die eine oder andere Besonderheit aufmerksam – in makellosem Deutsch. Das ist durchaus eine Erwähnung wert, denn Jawan war noch nie außerhalb Indiens. Er hat die Sprache innerhalb von 14 Monaten im Goethe Institut von Jaipur gelernt. Manche Menschen können einen dann gerade einmal nach demWeg zum Bahnhof fragen; Jawan führt uns durch die Architektur der Epochen. Ich ziehe den Hut.

Auf dem Rückweg in die Stadt passieren wir den Jal Mahal, den Wasserpalast, der nur per Boot erreicht werden kann. Seit Jahren wird er restauriert und ist daher für Touristen geschlossen. Es geht das Gerücht, dass er demnächst als Gourmetrestaurant wiedereröffnet werden soll.

Ein langer Tag mit vielen Eindrücken. Wir beschließen ihn mit dem Besuch eines überdrehten Bollywoodfilms in einem der letzten klassischen Lichtspielhäuser. Es spielt Salman Khan, für viele der größten Stars des Hindi-Kinos, und das Publikum geht bei den Tanznummern begeistert mit. Chris leidet noch immer unter ihrem Jetlag, und die typische Spieldauer von gut 2.5 Stunden ist da nicht gerade förderlich. Sie schnarcht neben mir weg.

Fotowand

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