Endlich Urlaub! Nach zweieinhalb Wochen Arbeit für eBay beginnt der touristische Teil meines Indienaufenthalts. Los geht’s im Norden des Landes. Chris und ich treffen uns in Delhi, Ausgangspunkt unserer Reise entlang das sogenannten golden triangle, des goldenen Dreiecks Indiens. Von Chennai aus sind es keine vier Stunden Flug, doch als Chris weit nach Mitternacht endlich in Delhi landet, ist die Arme mehr seit mehr als 30 Stunden unterwegs und entsprechend geplättet.
Nach dem stickigen, verstopften Chennai ist Delhi mit seinen sauberen, breiten Straßen, verhältnismäßig wenig Verkehr und den vielen Parks und Bäumen für mich wie ein Hauch frischer Luft. Zumindest gilt dies für Neu-Delhi, dem repräsentativen Regierungsviertel. In der Altstadt sieht es dann doch wieder anders aus.
Neu-Delhi wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von den Briten als neuer Regierungssitz Indiens am Reißbrett entworfen. Man sieht es. Dreh- und Angelpunkt ist der kreisrunde Connaught Place: neben zahlreichen Banken, Fluggesellschaften und Hotels findet man hier vor allem gehobene Geschäfte und Restaurants, die in konzentrisch angelegten pseudoklassischen Gebäuden den gleichnamigen Park umschließen.
Eigentlich wollen wir den Tag locker angehen, um Chris ein wenig Zeit zur Eingewöhnung zu geben. Aber dann reißen wir doch ein ganz schönes Programm ab. Wir handeln mit einem Autorikschafahrer einen Tagespreis aus und lassen uns zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten kutschieren.
Zunächst geht’s zum Freiluft-Observatorium Jantar Mantar aus dem frühen 18. Jahrhundert, mit seinen gewaltigen astronomischen Bauwerken. Ohne Führer ist es schwer, die Funktion der massigen Instrumente zu erschließen.
Dann weiter zum monumentalen India Gate, der dem Arc de Triomphe nachempfundenen Gedenkstätte für die in den Kriegen gefallenen indischen Soldaten. Chris wird von zahlreichen Familien um ein gemeinsames Foto gebeten; tapfer lächelt sie in die Digitalkameras. Schon interessant, dass westliche Besucher auch heutzutage noch ein begehrtes Fotomotiv sind, zumal in der Hauptstadt.
Auch in der eindrucksvollen, aus rotem Sandstein und weißen Marmor errichteten Jama Masjid, der größten Moschee Indiens, muss Chris als Fotomodell herhalten, gefragt und ungefragt. Da hilft selbst das Tarncape nicht, das sie zur Bedeckung ihrer Schultern am Eingang erhalten hat.
Von einem Seitenturm der Moschee aus hat man einen großartigen Ausblick auf das alte Delhi mit seinen engen Winkeln und Gassen, dem Gedränge, Gehupe und Getöse. Hier zeigt sich deutlich der Unterschied zwischen der organisch gewachsenen Altstadt und der am Reißbrett entstandenen Neustadt, und ich bin froh, dass wir für die ersten Nächte ein Hotel am ruhigen Connaught Place gewählt haben.
Chris Jetlag schlägt jetzt durch, und auch ich habe genügend Eindrücke für den Tag gesammelt. Also lassen wir das Rote Fort links liegen; wir werden noch zahlreiche andere Forts auf unserer Reise erleben.
Fotowand
Filmtipp für die Sofareise
- Monsoon Wedding
Irrungen und Wirrungen während der Vorbereitung einer Hochzeit. Anrührend und heiter inszeniert von Mira Nair mit mitreißendem Bollywood-Soundtrack. - Delhi Belly
Drei Kumpel legen sich versehentlich mit einem skrupellosen Gangster an. Ausgelassene Gaunerkomödie, die Bollywood-Konventionen genüsslich auf den Kopf stellt
Buchtipps für die Sofareise
- Der weiße Tiger
Ein einfacher Junge vom Lande lernt, wie man im modernen Indien zu Geld und Ansehen gelangt – und geht dabei über Leichen. Flotter, mit dem Booker-Preis ausgezeichner Erstlingsroman von Aravind Adiga. Lesen! - Der Gott der kleinen Dinge
Mit der ihr eigenen Poesie beschreibt Arundathi Roy in ihrem Debüt eine durch und durch bigotte Gesellschaft. Das ist mal heiter, meist jedoch düster und unheilvoll. In ihrer Heimat wurde sie dafür heftig kritisiert.
