Straßenkampf, alte Namen und Fernsehen für alle

Einer geht noch rein: Jede auch noch so kleine Lücke wird genutzt, um ein paar Zentimter vorwärtszukommenKampf um jeden Zentimeter

Obwohl das eBay-Büro keine acht Kilometer vom Hotel entfernt liegt, benötigt mein Fahrer zwischen 20 und 30 Minuten, um mich durch den dichten Verkehr zu lotsen. Zwar hatten mich meine indischen Kollegen in den USA gewarnt, dass ich mich auf ein gehöriges Chaos gefasst machen sollte. Ich habe lässig abgewinkt, schließlich habe ich Fahrerfahrung in Südeuropa und war auch schon zigmal auf Asiens Straßen unterwegs. Was soll mich da schon groß schocken?

Doch das hier übersteigt alles bisher Erlebte: Ampelsignale, Fahrbahnmarkierungen und Spurrichtungen werden bestenfalls als freundliche Empfehlungen verstanden und gewissentlich ignoriert. Wo immer ein Quadratmeter frei wird, zwängt sich laut hupend mindestens ein Motorrad oder eine Autorikscha hinein. Oft mehrere. Nicht selten fahren fünf Fahrzeuge nebeneinander in zwei Spuren.

Ab durch die Mitte: So manche halsbrecherische Aktionen grenzt an TodesverachtungZwischen all den Fahrzeugen, Handkarren und Fuß- gängern sind es nur wenige Zentimeter Abstand. Die meisten Autos haben ihre Außenspiegel eingeklappt;
so werden sie nicht abgefahren. Und der Verkehr ist so dicht, dass sich ein Blick nach hinten eh nicht lohnt. Lieber nach vorne schauen und ununterbrochen hupen, denn da kommt einem schon mal ein Fahrradrikscha- fahrer auf derselben Spur engegengeradelt, ein Bus beschließt, mitten auf der Straße zu wenden, oder eine Gruppe Fußgänger oder Ziegen bewegen sich im Zickzack über die Fahrbahn, was mich an das gute alte Atari-Spiel Frogger erinnert.

Kühe liegen am staubigen Straßenrand oder auch mal mitten auf der Straße und schauen gleichmütig dem hektischen Treiben zu. Da Kühe in Indien als Verkörperung des Heiligen verehrt und geachtet werden, genießen sie auch im Straßenverkehr höchste Priorität; sämtlicher Verkehr fließt um sie herum. Oder kommt zum Stillstand.

Da ist einer einen allzu heißen Reifen gefahrenNachts kommt erschwerend hinzu, dass die Hälfte der Fahrzeuge ohne Licht fährt. Da die Straßen nur schwach beleuchtet sind, sind Fußgänger kaum zu erkennen; wie ein Phantom tauchen sie aus dem Dunkel vor einem auf. So manches Mal bleibt mir das Herz vor Schreck stehen. Und ich wundere mich, dass ich in all den Tagen nur ein einziges Mal erlebe, wie ein Motorradfahrer von einem Auto angefahren wird und umkippt (zum Glück nichts passiert). Okay, und dass ein Auto brennend im Verkehr steht, ist auch die Ausnahme.

Raider heißt jetzt Twix

Mitte der 90er-Jahre, ein halbes Jahrhundert nach der Unabhängigkeit Indiens, beschloss die Regierung, den neu erstarkten indischen Patriotismus weiter zu befeuern und die letzten Überbleibsel der britischen Kolonialherrschaft zu tilgen, indem sie sämtliche Städte offiziell in ihren ursprünglichen indischen Namen umbenannte. So wurde etwa Bombay zu Mumbai, Kalkutta zu Kolkata, Madras zu Chennai, Benares zu Varanasi oder Pondicherry zu Puducherry.

Das Problem dabei ist, dass dies nicht nur bei Ausländern und Reisenden zur Verwirrung führt, sondern zum Teil auch bei der eigene Bevölkerung. Und so halten sich die britischen Namen auch weiterhin neben den neuen alten indischen Städtenamen. Kaum ein Inder spricht von Thiruvananthapuram; die Stadt im Süden Keralas heißt im Volksmund (und selbst bei den Fluglinien) nach wie vor und kurz und knapp Trivandrum. Wahrscheinlich dauert es eine weitere Generation, bis sich die die urindischen Namen natürlich in den alltäglichen Sprachgebrauch integriert haben werden. Das war beim Schokoriegel Twix – ehemals Raider – schließlich nicht anders.

Wer hat, der hat (und gibt manchmal)

Was in Deutschland zu Wahlkampfzeiten immer mal wieder von unterschiedlichen Parteien ins Feld geführt wird, ist in Indien gang und gäbe — die Luxussteuer. Sie beträgt 12,5 Prozent und wird auf alles angewendet, was gemeinhin als Luxus angesehen wird, vom importierten Whisky über Schmuck und Juwelen, Lederwaren, Übernachtungen in Mehr-als-drei-Sterne-Hotels bis hin zur Ayurvedabehandlung.

Sicher, die Regierung nimmt so einen Batzen zusätzliche Steuern ein, doch ob das Geld auch dazu beiträgt, die unerhörte Diskrepanz zwischen den Superreichen und den Bettelarmen zu verringern, bleibt fragwürdig. Wie schon sämtliche Regierungen zuvor, steht auch die derzeitig Koalition unter Premierminister Manmohan Singh unter dem Generalverdacht der Korruption.

Nur zu Wahlkampfzeiten wird kräftig auf die soziale Pauke gehauen und werden Programme zur Bekämpfung der Armut verabschiedet. So haben die Regierungs- vertreter im südöstlichen Bundesstaat Tamil Nadu die Spendierhosen angezogen und jeder – jeder! – Familie, die unterhalb der Armutsgrenze lebt, einen Fernseher geschenkt; außerdem gibt’s eine kostenlose monatliche Ration von 25 Kilo Reis.

Das Resultat: Viele Familienväter haben ihren Fernseher gegen Alkohol eingetauscht. Und da der monatliche Durchschnittsverbrauch einer Familie bei rund 10 Kilo Reis liegt, verkommen Unmengen von Lebensmitteln. In einer Hinsicht hat das Programm sein Ziel jedoch erfüllt: Die so geköderten Wählerstimmen haben der Regierungspartei zu weiteren fünf Jahren an der Macht verholfen.

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