Stadt ohne Eigenschaften

Bonjour Tristesse: Selbst im Zentrum der 7,5-Millionen-Metropole nichts als Verkehr

Bonjour Tristesse: Selbst im Zentrum der Metropole gibt es keine Besonderheiten

Wie heißt es so schön auf Englisch: nothing to write home about. Also nichts, über das es sich zu bloggen lohnt. Ich tue es dennoch, schließlich habe ich zweieinhalb Wochen in Chennai verbracht, der Landeshauptstadt Tamil Nadus.

Chennai, das ehemalige Madras, ist mit seinen 7,5 Millionen Einwohnern hinter Delhi, Kolkata und Mumbai die viertgrößte Stadt des Subkontinents. Da denkt man doch, dass es dort Einiges zu sehen und entdecken gäbe. Weit gefehlt.

Beim Fuße des Propheten: der dunkle Fleck über der Lache soll den Fußabdruck des heilgen Thomas darstellen.Als größte Attraktion gilt eine Höhle, in der der Apostel Thomas angeblich gebetet haben soll. Als Beleg hierfür halten einige Höhlenzeichnungen sowie ein in Stein verewigter Fußabdruck (Schuhgröße 60) her. Auch wenn sich Fakten und Legenden bunt vermischen, scheint historisch belegt, dass der Heilige Thomas tatsächlich bis nach Südindien gereist und hier als Missionar tätig gewesen war. Dies ist der Grund, weshalb es in den südlichen Bundesstaaten Kerala und Tamil Nadu eine große Gemeinde syrisch-orthodoxer Christen gibt.

Die gewaltige neogotische St.-Thomas-Basilica beeindruckt mich durch ihre schiere Größe, und von einem wenige Kilometer entfernt gelegenen Berg, auf dem der Apostel schließlich beim Gebet von Einheimischen ermordet worden sein soll, hat man einen guten Überblick über die riesige, sich ausdehnende Stadt. Zu sehen gibt es nicht viel. Bei drückenden 45 Grad Celsius halte ich es auf dem St.-Thomas-Berg aber ohnehin nicht lange aus.

Dann gibt es noch den Kapaliswara-Tempel mit seinem reichverzierten, buten Gopuram über dem Tempeleingang. Als Nicht-Hindu bleibt mir der Eintritt jedoch verwehrt; und so schwindet sie dahin, meine idealisierte Vorstellung vom Hinduismus als offener, einladender Religion.

Familienpicknick am Marina Beach, dem zweitgrößten Strand der WeltWas mich abschließend dann doch fasziniert ist der mehrere Kilometer lange und mindestens einen Kilometer breite Stadtstrand Marina Beach an der Bucht von Bengalen. Einfache Verkaufsstände, Imbiss- und Schießbuden säumen den Strand. Zum Sonnenuntergang versammeln sich hier Tausende Städter zum Picknick mit der Familie oder Freunden. Kinder toben durch den weißen Sand, Liebespaare wagen zaghaft eine erste – sittliche – Annäherung, und die ganz Tollkühnen werfen sich sogar in voller Montur in die Brandung. Eine angenehme Brise weht frisch vom Meer herein, und es scheint, als würden sie alle den ewigen Krach, den Dreck und Müll und die drückende Schwüle der Millionenmetropole vergessen. Wenigstens für einen Moment.

Fotowand


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