Irgendwo im Nirgendwo
Während meiner Zeit in Chennai bin ich in einem Hotel am sogenannten “IT-Korridor” untergebracht. Das ist die verkehrsreiche Ausfallstraße aus Chennai gen Süden, an deren Rändern sich die großen Computer- unternehmen angesiedelt haben. Die Gebäude gleichen denen im Silicon Valley: funktionale Architektur mit viel Glas und gepflegter Begrünung. Doch die Hightech- Oasen wirken deplaziert inmitten der sie umgebenden, staubigen Armut.
Auf beiden Seiten des IT-Korridors reiht sich ein billiges Straßenrestaurant an das nächste, unterbrochen von vereinzelten Lehm- und Strohhütten, riesigen, stinkenden Müllhalden oder einem quietschbunten Shivatempel. An einigen Abschnitten wachsen die Rohbauten gewaltiger Neubauviertel in den Himmel; riesige Werbetafeln zeigen, welch luxuriöse Wohnparadiese hier demnächst entstehen werden, Einbauküche inklusive. Noch scheint mir das alles sehr weit weg zu sein. Doch Tamil Nadu ist ehrgeizig, will sich mit Macht zu einem konkurrierenden IT-Standort neben Pune, Bangalore oder Hyderabad entwickeln. Mal schauen, ob es gelingt.
Kollywood
Nein, das ist kein Vertipper; weder Hollywood noch Bollywood sind gemeint. Aber wer hätte auch gedacht, dass es neben Bombay in Chennai eine zweite große Filmindustrie gibt. Genauer gesagt im Chennaier Stadtteil Kodambakkam; daher der Spitzname Kollywood. Wie in Bombay werden hier im Jahr rund Tausend Filme produziert, und zwischen den Städten und den jeweiligen Filmstars gibt es eine spielerische Rivalität, wie ich jeden Morgen aus der Times of India erfahre. Neulich gab es etwa ein Kricketspiel für einen guten Zweck zwischen Bollywood- und Kollywoodstars (Kollywood hat obsiegt).
Neben der Sprache – Hindi in Bollywood-, Tamil in Kollywoodproduktionen – besteht der Hauptunterschied in den Filminhalten. Während Bollywood zumeist dem klassischen Masala-Muster folgt, mit viel Herzschmerz, Musik und Tanz, sind tamilische Filme bekannt für ihre sozialpolitischen Inhalte à la “Held aus armen Verhältnissen zeigt schwerreichem Bösewicht was eine Hake ist”. Da verwundert es nicht, dass es in Tamil Nadu eine sehr erfolgreiche sozialistische Partei gibt, deren populärste Vertreter aus den Reihen der Kollywoodstars stammen.
Lakh und crore
Da denkt man, dass in einer bunten Welt wenigstens das Zahlensystem genormt ist. Weit gefehlt. Im Gespräch mit meinen Kollegen ist immer wieder die Rede von “lakh”: Der Gebrauchtwagen hat nur 5 lakh gekostet, Wahnsinn! Nayantara hat für ihren letzten Film 70 lakh Gage erhalten. Mein hilfloser Gesichtsausdruck scheint sie nicht zu irritieren, also hake ich nach: Was ist denn ein lakh? Ich ernte erstaunte Blicke. Dann schreibt Sachin ein lakh an die Tafel: 1.00.000. Gut, wir bewegen uns immerhin im Dezimalsystem, und ich kann jetzt entschlüsseln: das Auto hat 500.000 Rupien gekostet und Nayantara hat unverschämte 7 Millionen Rupien verdient. Die nächst größere Basiseinheit ist dann ein crore, das sind 10 Millionen (10.000.000); eine Menge Nullen. In diesem Zusammenhang erfahre ich auch, dass der Erfinder der Null Inder war und Aryabhata hieß.