Knapp 60 Kilometer südlich von Chennai liegt der Fischer- und Steinmetzort Mamallapuram. Seine zwischen dem 5. und 9 Jahrhundert geschaffenen Tempel und Felsmonumente gehören zu den ältesten und beeindruckendsten Indiens und zählen seit langem zum UNESCO-Kulturerbe. Das Besondere dabei: Die meisten Bauten wurden der Forschung nach keineswegs als Tempel genutzt, sondern quasi als Portfolio der Steinhauer, um ihr Können unter Beweis zu stellen.
Das muss man sich mal vorstellen, da wird ein kompletter Tempelkomplex aus einem einzigen Felsen geschlagen, nur um zu zeigen: Hey, das könnte Ihre Tempelanlage sein. Bestellen sie jetzt! Und das Ganze ohne CAD-Programm, Presslufthammer und Kipplader. Pattex gab’s auch noch nicht, so dass die Künstler höllisch aufpassen mussten, nicht zu viel wegzuschlagen und so das Gesamtkunstwerk zu ruinieren.
Insgesamt sind knapp ein Dutzend Tempel und Höhlenanlagen in die Hügellandschaft gemeißelt, einige von ihnen unvollendet. Neben dem Pancha-Ratha-Ensemble ist besonders das Flachrelief mit dem blumigen Titel Die Herabkunft des Ganges ein Hingucker. Die Ausarbeitung erinnert an die Reliefs, die Chris und ich in Ankor in Kambodscha gesehen haben; nur ist das Relief in Mamallapuram 500 Jahre früher entstanden.
Ein weiterer Höhepunkt ist zweifelsohne der dem Gott Vishnu geweihte Küstentempel, der nicht nur knapp eineinhalb Jahrtausende überstanden hat, sondern auch die Tsunamikatastrophe von 2004. Man kann nur ahnen, wie verziert der nunmehr erodierte Tempel zum Zeitpunkt seiner Enstehung gewesen sein muss. Noch immer betreten Vishnuiten, die Anhänger Vishnus, den baufälligen Tempel, um zu beten.
Vom Küstentempel aus ist es nur ein Steinwurf zum kilometerlangen Sandstrand, der anderen Sehenswürdigkeit Mamallapurams. Ich frage meinen Kollegen Anup, ob es Indien eine Strandkultur gäbe wie im Westen. Er zeigt sie mir: Der Strand ist voller Inder, doch Sonnenschirme und Badetücher sucht man vergebens. Stattdessen stehen die Großfamilien in Gruppen in voller Montur am Strand und schauen aufs Meer. Die Wagemutigen gehen bis zu den Knien ins Wasser. Kleinkinder vergnügen sich auf einfachen Karussells und kreischen vor Vergnügen. Man kann sich mit Bollywoodstars aus Pappe fotografieren lassen oder einmal hin und zurück über den Strand galoppieren. Alles ist ganz anders und doch ist die Stimmung vertraut: Überall auf der Welt genießen die Menschen einen Sonnenuntergang über dem Meer, ein fast schon spirituelles Erlebnis.
