Für das Wochenende plane ich einen Ausflug nach Pondicherry, ca. 200 Kilometer südlich von Chennai. Klar, ich könnte den Bus nehmen, das ist billig. Doch leider gibt es keine Garantie, dass man trotz Fahrscheins auch mitfahren kann. Wenn ein Bus voll ist, ist er voll. Und in der Regel sind die Busse hier rappelvoll. Ich entscheide mich daher für die bequemere Variante und buche für zwei Tage einen Wagen mit Fahrer.
Klingt kolonial, ist es aber nicht wirklich. Arbeitskräfte sind nach wie vor billig, und nach einer Woche Indien habe ich gelernt, dass Indien nach wie vor eine mehrklassige Dienstleistungsgesellschaft ist, und dass ein Großteil der Bevölkerung davon lebt, anderen zu Diensten zu sein.
Ein paar Beispiele: Die Aufgabe des Security-Mitarbeiters meines Hotels ist es, in Uniform vor dem Hotel zu postieren und Autorität auszustrahlen. Für die Hin- und Rückfahrt zum Büro habe ich meinen persönlichen Fahrer, der jedesmal ostentativ seine Uniformmütze zurechtrückt, bevor es losgeht. Und wenn ich im Büro für eine Besprechung einen Projektor benötige, bringt ihn mir ein Mitarbeiter in Weste und Fliege und schließt ihn mir auch gleich an. C’est ça! Das ist zunächst einmal ungewohnt, da wir gelernt haben, alles so gut es geht selbst zu erledigen. Dienstboten sind ein Relikt aus dem Kaiserreich. Aber so ist das hier eben; andere Länder, andere Sitten.
Pünktlich um 10 Uhr, wie abgesprochen, erhalte ich einen Anruf: Velu, mein Fahrer, meldet sich zum Dienst. Wenige Minuten später sitze ich im Fond des Wagens und wir brechen auf. Die Kopflehne versperrt mir die Sicht. Da wir knapp drei Stunden nach Pondicherry unterwegs sei werden, bitte ich Velu anzuhalten, damit ich auf dem Beifahrersitz Platz nehmen kann. Ich merke, dass ihm nicht ganz wohl dabei ist, schließlich verletzt meine Bitte das Protokoll. Ich schiebe mich dennoch nach vorn und los geht’s.
Leider sind Velus Englischkenntnisse bescheiden, und so schweigen wir die meiste Zeit zufrieden vor uns hin und hören Tamil-Pop. Nachdem wir uns durch den dichten, lauten und stinkenden Verkehr Chennais gekämpft haben, sind wir bald das einzige Auto auf der Straße nach Pondicherry. Ganescha sei Dank.
Erster Stopp: Auroville. Die Siedlung liegt gut zehn Kilomer nördlich von Pondicherry und ist eine sehr spezielle Angelegenheit, ein auf Jahrzehnte angelegter internationaler Modellversuch, die Menschheit zu einen und und das Bewusstsein zu transzendieren. Es geht darum, eine nachhaltige, umweltfreundliche Lebensform zu schaffen, die die sozialen und spirituellen Bedürfnisse des Menschen erfüllt.
Die Grundsteinlegung erfolgte 1968. Vertreter aus 124 Nationen waren dabei, die “universelle Stadt” zu gründen. Der Charta liegen die folgenden Prinzipien zugrunde:
- Auroville gehört niemandem im Besonderen. Auroville gehört der ganzen Menschheit. Aber um in Auroville zu leben, muss man bereit sein, dem göttlichen Bewusstsein zu dienen.
- Auroville wird der Ort einer Erziehung ohne Ende, ständigen Fortschritts und einer Jugend sein, die niemals altert.
- Auroville möchte die Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft sein. Durch Nutzung aller äußeren und inneren Entdeckungen wird Auroville zukünftigen Verwirklichungen kühn entgegenschreiten.
- Auroville wird der Platz materieller und spiritueller Forschung für eine lebendige Verkörperung einer wirklichen menschlichen Einheit sein.
Die zentrale Figur von Auroville ist Mirra Alfassa, die als “Mutter” den sprituellen und architektonischen Generalplan der Stadt verantwortet. Um in Auroville zu Leben, heißt es in einem Einführungsvideo, soll man allen Religionen abschwören. Religionen hätten zur Spaltung der Menschheit geführt. Einzig das individuelle Streben nach der göttlichen Wahrheit soll den Suchenden leiten.
Die These ist an sich gar nicht schlecht und durchaus nachvollziehbar. Etwas Sektiererisches bekommt der Leitsatz dann aber doch, als ich sehe, wie in Auroville die Mutter als Inbegriff der Wahrheit zelebriert wird. Alles, was Frau Alfassa gedacht, aufgezeichnet oder ausgesprochen hat, wird in eine konkrete Form übertragen: Bücher, Aufsätze, Zeichnungen, DVDs, ihre Glaubenssätze werden an Wände projeziert, und wenn ich Aurovilleianer ehrfürchtig von der Mutter sprechen höre, muss ich unwillkürlich an den gleichnamigen Computer in Alien denken. Ich denke jedoch nicht, dass es hier einen Zusammenhang gibt.
Die Hauptsehenswürdigkeit der Siedlung, die sogenannte Seele Aurovilles, ist das Matrimandir (Tempel der Mutter). Über einen Zeitraum von 40 Jahren wurde ein goldverkleideter Meditationsort gigantischen Ausmaßes errichtet. Er bildet das Zenrum des Ortes, der in Form einer Galaxie um das Matrimandir herum entstehen soll.
Zu gern würde ich mir den Bau von innen ansehen, selbst erleben, ob ich energetisch aufgeladen werde, wie es heißt. Doch die Bedingungen für eine “Konzentration” im Innern des Matrimandir sind strikt und an eine Reihe von Vorbereitungen geknüpft. Gut, ich kann verstehen, dass die Gemeinschaft verhindern möchte, dass das Matrimandir zur Touristenattraktion verkommt. Auf der anderen Seite kann ich mich nicht freimachen von dem Eindruck des Sektierertums.
Allein um den Aussichtspunkt, der mehrerer hundert Meter vom Tempel entfernt liegt, besichtigen zu dürfen, bedarf es einer Genehmigung. Und diese Genehmigung erhalte ich erst, nachdem ich mir ein 10-minütiges Schulungsvideo über die Philosophie der Mutter und die Entstehung des Matrimandir angesehen habe (das tatsächlich sehr informativ ist). Es lohnt sich, denn er hat etwas Irreales, dieser gigantische goldene Ball.
Interessant ist, dass eine Reihe renommierter Architekten aus aller Herren Länder bei der Umsetzung der Städteutopie mithelfen. Und so ist der Ort gleichsam ein Versuchsfeld für eine neue Form experimenteller Architektur. Viele Gebäude sind bereits errichtet, neben zahlreichen Wohnhäusern etwa ein Kindergarten, ein Gesundheitszentrum und selbst ein Amphitheater.
Dass die galaxieartig konzipierte Stadt allerdings tatsächlich einmal wie geplant 50.000 Einwohner aus aller Welt beherbergen wird, wage ich zu bezweifeln. Nicht zuletzt, da das New-Age-Projekt ausgerechnet in Südindien angelegt ist und 40 Grad im Schatten nicht unbedingt jedermanns Geschmack sind.



