Gut, die Überschrift ist geklaut. City of Glass ist der Titel einer Aufsatzsammlung von Douglas Coupland, in der dieser die verschiedenen Facetten seiner Heimatstadt Vancouver beschreibt. Und es ist ein sehr treffender Titel, denn Vancouver, zumindest das Stadtzentrum, ist eine Stadt aus Glas. Wohin man auch sieht, wachsen gläserne Wohnhochhäuser in den Himmel.
Es ist kaum zu glauben, doch Vancouver ist die jüngste aller nordamerikanischen Städte, und das, was den Großstadtcharme ausmacht, ist gerade einmal 25 Jahre alt. Erst die Weltausstellung im Jahr 1986 brachte die verschlafenen Hafenstadt auf die Landkarte. Mehr als 22 Millionen Gäste besuchten die Ausstellung. Die Expo 86, so heißt es, brachte die Welt nach Vancouver, und als sie zuende ging, ist die Welt nicht wieder gegangen.
Da ist was dran. Denn trotz ihrer gerade mal sechshunderttausend Einwohner, das ist in etwa die Größe von Stuttgart, ist Vancouver eine durch und durch multikulturelle Stadt. Neben den europäischen Kulturen sind es vor allem Hongkong-Chinesen, die einen großen Anteil der Bevölkerung ausmachen. Sie sind im Vorfeld der Übergabe der ehemaligen britischen Kronkolonie 1997 an China nach Vancouver gekommen, da sie eine dramatische wirtschaftliche Verschlechterung in ihrer Heimat befürchteten. Nach New York und San Francisco beherbergt Vancouver die drittgrößte chinesische Gemeinschaft Nordamerikas.
Und die drittgrößte Filmindustrie, was mich sehr überrascht hat. Sucht man nämlich nach Filmen mit Handlungsort Vancouver, sieht die Auswahl ziemlich mau aus. Denn Vancouver dient keineswegs als Kulisse für Vancouver. Stattdessen stellt die Stadt die Kulisse für London, Hongkong, Seattle, New York, Boston, Chicago, San Francisco, selbst Los Angeles.
Letzteres verwundert schon ein wenig, denn das Wetter, das ich erlebe, zeigt sich so ganz und gar nicht von seiner südkalifornischen Seite: Der Himmel zelebriert die verschiedensten Abstufungen von grau, und pralle dunkle Wolken lagern schwer über der Stadt, in steter Bereitschaft, so richtig loszuschütten. Mag sein, das es im Sommer anders ist; Werbeplakate zeigen die Stadt und die Berge unter strahlend-blauem Himmel. Doch wer weiß, vielleicht wurden die Aufnahmen in Los Angeles gemacht, das als Kulisse für ein sommerliches Vancouver herhalten musste.
Das schlechte Wetter stört mich überhaupt nicht. Vielleicht liegt es an meiner norddeutschen Abstammung, wahrscheinlicher allerdings ist, dass es hier so viel zu unternehmen gibt, dass ich auf metereologische Befindlichkeiten schlichtweg keine Rücksicht nehmen kann: Die Vancouver Art Gallery zeigt gleich drei fantastische Ausstellungen, die Vancouver Biennale verwandelt die Stadt in einen Skulpturenpark. Die Vancouver Opera spielt La Traviata. Und dann läuft ausgerechnet jetzt das Dokumentarfilmfestival DOXA. Ach ja, die verschiedenen Stadtteile wollte ich mir ja auch noch ansehen. Und die Seawall entlanglaufen rund um den Stanley Park. Wie soll ich das bloß alles unterbringen an einem Wochenende?
Denn der eigentliche Grund für meinen Trip nach Vancouver ist die CHI2011, eine Fachkonferenz zum Thema Mensch-Maschine-Interaktion: vier Tage volles Programm, 500 Vorträge, und an die 3.000 Teilnehmer. eBay und PayPal sind Sponsoren des Megakongresses und mit einem Stand vertreten. Unsere Mission: neue Designtalente zu rekrutieren. Unsere Waffen: M&Ms in eBay-Farben. Charme und ein paar gute Argumente haben wir auch, und so sammeln wir bis zum Ende der Veranstaltung einen Haufen Bewerbungen ein.
Fast verpasse ich meinen Rückflug. Ich vergaß, dass man die US-Immigration bereits auf kanadischer Seite vor dem Flugsteig passiert, und man mindestens 90 Minuten vor Abflug erscheinen muss. Zum Glück sind die Air-Canada-Mitarbeiter freundlich und hilfsbereit und buchen mich nachträglich auf den Flug. Bei der Sicherheitskontrolle lässt man mir meinen zum Bersten gefüllten Flüssigkeitsbeutel durchgehen. Und auch die Grenzbeamtin ist gut aufgelegt und nicht so rüde wie ihre Kollegen in San Francisco. Es ist schon merklich entspannter hier. Ich muss an den alten Witz denken: Wie nennt man einen Amerikaner ohne Waffe, aber mit Krankenversicherung? – Kanadier. Muss was dran sein…
