Um Chris von ihrem Geburtstagstrauma abzulenken, schlage ich vor, für ein paar Tage zu verreisen. Chris weiß nicht, wohin es geht; einzig, dass sie Abendgarderobe, Pool Wear und ein Paar bequeme Schuhe einpacken soll. Ach ja, und dass das alles in einen Trolley passen muss. Erst am Flughafen erfährt meine Süße, wohin die Reise geht – Las Vegas. ZZ Top spielt den Elvis-Hit Viva Las Vegas und wir heben ab.
Das letzte Mal, dass ich in Sin City war, ist genau 20 Jahre her. Seitdem wurde nicht nur der (vergebliche) Versuch unternommen, das Image in ein familien- freundliches City of Entertainment zu ändern. Die Stadt ist auch gewachsen wie keine zweite in den USA. Im Anflug sehen wir das gewaltige Ausmaß der Stadt, den Siedlungsbrei, der sich bis weit in die Mojave-Wüste erstreckt. Das Herzstück ist unüber- sehbar der Las Vegas Boulevard, der sogenannte “Strip”, mit seinen dichtgedrängten, hochragenden Megaresorts und Kasinos.
Nicht zu Unrecht wird der Strip gern als Disneyland für Erwachsene bezeichnet. Fast jedes Kasino-Resort ist zugleich ein Themenpark: so zum Beispiel das Luxor mit seiner schwarzen Pyramide und der Sphinx, das an eine Playmobil-Burg erinnernde Excalibur oder der pseudo-römische Cesars Palace. Manchmal wurden auch gleich ganze Städte nachgebaut, nämlich New York (New York New York), Paris (Paris Las Vegas) und Venedig (The Venetian). Und das gar nicht mal schlecht.
Wir beziehen eine Suite mit Balkon im 29. Stock des nigelnagelneuen, ultraschicken Cosmopolitan. Vom Bett aus und selbst aus der Badewanne haben wir einen grandiosen Blick auf den Strip und die Wassershow des Bellagio. Ein wenig Luxus darf schon sein, schließlich feiert man nicht jedes Jahr einen runden Geburtstag.
Dann machen wir das, was man in Las Vegas so macht: am Pool abhängen, Cocktails schlürfen, powershoppen und zocken. Wir setzen alles auf eine Karte – und verlieren. Nur gut, dass wir unseren Einsatz auf 2 Dollar beschränkt hatten und uns der Verlust daher nicht die Laune verdirbt.
Und was ist ein Besuch in Las Vegas, ohne nicht mindestens eine der unzähligen Shows und Revuen zu sehen? Siegfrid & Roy, Inbegriff des Las-Vegas-Entertainments, gibt es leider nicht mehr. Dafür bietet allein der Cirque du Soleil sieben verschiedene Programme an. Celine Dion feiert gerade ihr Comeback in Vegas. Daneben die unvermeintlichen Stripshows und mein absoluter Favorit: bite. Das Programm verspricht “Topless Vampires. Classic Rock. What Else Do You Need?” – Eben.
Wir gehen in Zumanity, einer schwülstigen Melange aus Burlesque, Akrobatik und Karneval mit viel Brokat und viel nackter Haut. Wobei ich anmerken muss, dass nackte Haut selbst in Las Vegas keineswegs gleichbedeutend ist mit nackter Haut auf der Reeperbahn. Alles handzahm, obwohl der Eintritt erst ab 18 Jahren freigegeben ist. Dennoch: Die Akrobaten sind atemberaubend und sexy, die Cocktails gehaltvoll, und wir genießen den Abend.
Eigentlich gibt es keinen Grund, ein Kasino-Resort zu verlassen, nachdem man sich einquartiert hat. Jedes Resort ist wie eine eigene Kleinstadt mit Kasino, Theater, Wellness-Center, mindestens einem Pool, zig erstklassigen Restaurants, Bars, Clubs und Shopping Mall mit den ganz großen Namen: Cartier, Chanel, Dior, Prada, Tom Ford, Louis Vuitton usw. Nirgendwo haben wir so viel Luxus auf so engem Raum gesehen.
Den Gegensatz hierzu bietet das alte Las Vegas. Und das findet man rund um die Freemont Street in Downtown, etwa zwei Meilen nördlich des Strip. Hier wurden seit den 50er-Jahren und bis in die 80er-Jahre Kasinos und Hotels durch Gangstergeld finanziert und vom Mob kontrolliert. Korrupte Politiker und Beamte trugen das ihrige dazu bei, den zwielichtigen Ruf der Stadt zu zementieren; mit dem Ergebnis, dass mehr und mehr Touristen wegblieben und die Stadt zunehmend herunterkam.
Erst in den 90er-Jahren, nach Beseitigung der organisierten Kriminalität und durch die zahlreichen Neubauten entlang des Strip gelang der Imagewandel, der wieder mehr Besucher nach Las Vegas lockte.
Doch der Besucherstrom verlagerte sich zum Strip, wo die teuren Hotels stehen und die spektakulären Shows stattfinden. Downtown verkam zum Schatten seiner selbst, statt Glitter und Glamour kennzeichneten Dreck und Drogen die Freemont Street. Einzig Vegas Vic und Vegas Vicky, seit den 50er-Jahren die Ikonen der Stadt, werben unermüdlich für das alte Vegas.
Inzwischen gab es ein Multimillionen-Dollar-Projekt zur Wiederbelebung der Downtown: eine gewölbeförmige Kuppel mit zwei Millionen LEDs überdacht die Freemont Street und macht die Nacht zum Tag. Darunter tobt es wie auf dem Rummelplatz mit Buden, Livemusik und schrill kostümierten Gestalten, die sich für einen Obolus fotografieren lassen. Und für 30 Dollar kann man über die Köpfe der Besucher die Straße entlang ziplinen.
Doch auch entlang des Strips wird nach wie vor fleißig gebaut, vor allem in die Höhe. Viele der Gebäude sind beeindruckend, wie etwa das neue CityCenter mit der von Daniel Libeskind entworfenen Ladenzeile, und beweisen, dass Las Vegas architektonisch im 21. Jahrhundert angekommen ist.
Auch kulinarisch. Ging es vor 10 Jahren vornehmlich darum, die spielenden Gäste mit einem günstigen All-You-Can-Eat-Buffet abzufüttern, befinden sich heute einigen der besten Küchenchefs und Restaurants des Landes in Las Vegas. Wir können das bestätigen.
Nach vier Tagen fliegen wir zurück; mit leerem Bankkonto, aber reich an neuen Erfahrungen. Wie heißt es so schön: Reisen kost’ Geld, doch sieht man die Welt. Nirgendwo ist dies zutreffender als in Las Vegas.
Fotowand
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Ein außergewöhnliches und erinnerungswürdiges Geburtstagsgeschenk!!!!!!!!!