Und wieder mal Utah (siehe Utah Revisited). Ich moderiere einen Workshop für eBay; zwei Tage volles Programm. Schon bei der Reisebuchung hatte ich mich gewundert, dass fast alle Hotels ausgebucht waren und ich nur mit Mühe ein Zimmer reservieren konnte. Jetzt weiß ich: Zum 30sten Mal jährt sich das Sundance Film Festival in diesen Tagen und aus aller Welt zieht es Freunde des Independentfilms ins Salt Lake Valley.
Was für eine Gelegenheit! Seit Jahre habe ich mit dem Gedanken gespielt, das Festival zu besuchen. Doch irgendwie hatte ich nie so recht auf dem Schirm, dass es im Januar stattfindet, und ich war jedesmal überrascht und enttäuscht, als ich erst davon erfuhr, nachdem es vorbei war.
Ich beschließe, am Eröffnungstag einfach mal in Park City, einem schnieken Winter-sportort auf gut 2.000 Meter Höhe, vorbeizuschauen. Keine Ahnung, was läuft, aber vielleicht gibt es ja noch Karten. Der Weg dorthin schlängelt sich durch die schnee-bedeckten Wasatch Mountains. Der Highway ist geräumt, und ich komme gut voran, finde sogar einen Parkplatz in der von Festival-Pass-Inhabern wimmelnden Stadt.
Pünktlich zur Premierenschau bin ich am Start. Genau wie Hunderte andere. Es gibt eine Warteliste, und ich bekomme die Nummer 89 zugeteilt. Nicht gerade vielversprechend, wie Tonya, eine der zahlreichen freiwilligen Mitarbeiterinnen, meint: Bob sei hier und würde seine Eröffnungsrede halten und Harry Belafonte (ja, der mit dem Banana Boat Song) und allerlei Hollywood-Prominenz. Bob, das ist Robert Redford, Schirmherr des Film Festivals. Und die Dokumentation Sing Your Song über den Sänger und UNICEF-Botschafter Harry Belafonte eröffnet die diesjährigen Filmfestspiele.
Ich kann das bestätigen. Auf meinem Weg nach draußen öffne ich versehentlich die falsche Tür und finde mich sogleich im Blitzlichtgewitter eines Fotoshoots wieder: Auf dem roten Teppich stehen Bob und Harry. Freundlich, aber bestimmt, bedeutet mir ein Ordner, dass ich hier nichts zu suchen hätte. Ich nehme die andere Tür.
Als ich die Menschentraube vor dem Filmtheater sehe, die frierend auf Einlass wartet, klingen Tonyas Worte in einen Ohren nach: nicht gerade vielversprechend. Ich verzichte auf meinen Wartelistenplatz Nummer 89 und bummle die Hauptstraße von Park City rauf und runter.
Hübsch hier, aber auch teuer. 2002 war Park City eine der Austragungsstätten der Winterolympiade; über der Stadt zeichnen sich die angestrahlten Skipisten stimmungsvoll gegen den sternenklaren Nachthimmel ab. Ein einsamer Skifahrer wedelt elegant durch den pudrigen Schnee.
Die Temparaturen sind mittlerweile auf winterliche -9 Grad Celsius gefallen, als ich mich anschicke, die zweite Premierenvorstellung des Tages zu besuchen. Dasselbe Prozedere: Ich erhalte einen Wartelistenplatz und muss mich anstellen in der Hoffung auf einen freien Kinosessel. Ich stelle mich gerade auf eine längere Wartezeit ein, als mir jemand eine Freikarte in die Hand drückt und viel Spaß wünscht.
Und der fängt dann auch gleich an: Als Karteninhaber darf ich mich in die Schlange der Wartenden einreihen. Und die ist – ungelogen – mindestens 150 Meter lang. Bei klirrender Kälte stehen wir hier fast eine halbe Stunde in der Nacht, bevor der Einlass beginnt. Immerhin kommt man so ins Gespräch; ich lerne Besucher aus Frankreich, Kanada und New York City kennen, die eigens wegen des Film Festivals nach Utah gereist sind – um sich bei deftigen Minusgraden den Hintern abzufrieren. Aber das gehört wohl dazu. Und, hey!, immerhin stehen wir nicht im Schneegestöber.
Irgendwann bin ich dann drin. Ich spüre meine Füße nicht mehr, meine Finger sind blau und meine Ohren abgefroren. Doch ich sitze zusammen mit tausend Filmfans im Theater und bin gespannt auf die Weltpremiere von Pariah. Als das Licht erlischt und der Sundance-Film-Festival-Trailer auf der Leinwand flimmert, ist alles gut.
Filmtipp für die Sofareise
- SLC Punk
To be an anarchist in Salt Lake City was certainly no easy task, especially in 1985. – zwei Punks versuchen es trotzdem. Sympatischer Indiefilm mit Till Schweiger in einer Gastrolle.

