The Windy City

The Loop in Chicago: für viele die amerikanischste aller amerikanischen Großstädte

The Loop in Chicago: für viele die amerikanischste aller amerikanischen Großstädte

Um gleich mal eine weitverbreitete Annahme infrage zu stellen: Chicago soll seinen Spitznamen The Windy City nicht aufgrund der Winde erhalten haben, die vom Lake Michigan her durch die Straßenschluchten pusten. Wie uns Schauspieler David Schwimmer auf einer Audiotour erklärt, geht die Bezeichnung auf Lobbyisten zurück, die 1890 die Backen ganz schön voll genommen und viel heiße Luft produziert haben sollen bei ihrer Bewerbung für die Weltausstellung. Mit Erfolg — Chicago hatte zwar in den Medien seinen Beinamen weg, konnte sich aber gegen New York durchsetzen als Gastgeber der World’s Columbian Exhibition.

Nach vier Stunden Flug landen Chris und ich in Chicago O’Hare. Bereits auf der Taxifahrt zum Hotel schlägt uns die Stadt mit ihrer großartigen Skyline in den Bann.

Chicagos Skyline in der Dämmerung

Chicago ist ein Paradies für Architekturliebhaber: Nach dem verheerenden Brand von 1871 nutzten die Stadtoberen die Katastrophe als Chance für einen radikalen Neuanfang. Bereits wenige Jahre später wuchsen die ersten “Wolkenkratzer” in den Himmel. Eine neuartige Bauweise, die Stahlrahmenkonstruktion, ermöglichte es, sicher in die Höhe zu bauen. Louis Sullivan und Daniel Burnham waren die Architekten der Stunde. Mit ihrem Baustil, der sogenannten Chicagoer Schule, begründeten sie die moderne Architektur.

Seit den späten 1930er Jahren setzte unter anderem Ex-Bauhaus-Chef Ludwig Mies van der Rohe, einer der namhaftesten und einflussreichsten Vertreter des Internationalen Stils, diese funktionale Bauweise fort. Die Gebäude wurden höher und höher, es kam zu einem regelrechten Wettbewerb. 1969 eröffnete das John Hancock Center als höchstes Gebäude der USA (Antennen mitgemessen); nur um vier Jahre später vom Sears Tower (seit 2009: Willis Tower) auf die Plätze verwiesen zu werden. Erst 1998, nach 25 Jahren, musste der Sears Tower den Titel an die Petronas Towers in Kuala Lumpur abtreten.

Wir genießen den großartigen Ausblick vom John Hancock Center bei Tag und bei Nacht. Ich liebe es, mir Städte von oben anzusehen. Sobald ich in einer neuen Stadt bin, klettere ich auf den höchsten Turm, um herunterzuschauen. Ob Berlin, Shanghai, Paris, Rom, Hongkong, New York, London, Los Angeles oder Toronto — jede Stadt hat etwas ganz Besonderes.

Was den speziellen Reiz Chicagos ausmacht, ist die architektonische Vielfalt auf verhältnismäßig engem Raum und die einmalige Lage am Ufer des Michigansees. Man kommt sich vor wie am Meer: langgezogene Sandstrände und Wasser soweit das Auge reicht.

Doch nicht nur aus der Vogelperspektive bietet die Stadt reizvolle Ansichten. Mit der Chicago Architecture Foundation unternehmen wir eine geführte Bootstour auf dem Chicago River.

Und dann sind wir natürlich viel zu Fuß unterwegs, erkunden die verschiedenen Stadtteile: den Loop, das Zentrum Chicagos mit seinen Wolkenkratzern, der Hochbahn, dem Millenium Park und dem hervorragenden Art Institute; die schicke Near North Side mit ihren Highend-Fashion-Läden entlang der Magnificent Mile; den South Loop ehemals Zentrum der Fleischindustrie, heruntergekommen, aber im Begriff, sich sich zu einem angesagtem Restaurant- und Galerienviertel zu wandeln; Pilsen, eine — der Name verrät es — von Deutschen und Böhmen gegründete Wohngegend, mittlerweile allerdings fest in mexikanischer Hand.

Unser Lieblingsviertel wird Wicker Park; schicke Boutiquen, individuelle Buch- und Musikläden, coole Bars und Restaurants — fast jeden Abend führt uns die Blue Line nach Wicker Park zum Cocktailtrinken in The Violet Hour.

Doch kein Besuch von Chicago ist komplett, ohne Sue eine Aufwartung zu machen.

A boy named Sue? Geschlecht unbekanntSue hofiert im Field Museum of Natural History und ist eine Sensation der anderen Art: Sie ist das größte, vollständigste und besterhaltene Skelett eines Tyrannosurus Rex, das je gefunden wurde. Benannt nach der Paläontologin Sue Henrickson, wurde das Skelett für die Rekordsumme von über 8 Millionen Dollar vom Field Museum angekauft. Diese Jahr feiert Sue ihr 10-jähriges Dienstjubiläum.

Mit 13 Metern Länge und 4 Metern Höhe wirkt Sue selbst als Skelett noch bedrohlich. Gut, dass die Viecher heutzutage nicht mehr frei rumlaufen.

Fotowand

Filmtipps für die Sofareise

  • The Dark Knight
    Batman so düster wie nie zuvor. Chicago, nicht New York City, bildet die Kulisse für das nervenzerrende Duell mit dem Joker. Oscar für Heath Ledger
  • The Untouchables
    Prohibition in Amerika: Eliot Ness jagd Al Capone. Ein unerfreuliches Kapitel amerikanischer Geschichte, spannend inszeniert, mit hervorragenden Darstellern
  • Ferris macht blau
    Back to the 80s: Teenieklassiker mit Matthew Broderick, Jennifer Grey und vielen Ansichten Chicagos. Handlung? — Der Titel sagt alles.
  • Während du schliefst
    Sympathische Liebeskomödie mit Sandra Bullock und Bill Pullman, in der selbst der harsche Chicagoer Winter einfach nur romantisch wirkt. Ein Weihnachtsmärchen halt

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