Clint

Mit unseren Gästen Christine, Dörte und Maja nehmen wir einen Absacker in der Mission Ranch am Rande von Carmel. Besitzer ist Clint Eastwood, und es geht das Gerücht, dass sich der Hausherr ab und zu persönlich in der Bar blicken lässt und ans Klavier setzt.

Ein Geheimtipp ist das offensichtlich nicht: Die Bar ist rappelvoll mit Einheimischen und Carmel-Touristen.

Wir gehen strategisch vor: Christine und ich schlängeln uns zum Tresen und buhlen um die Aufmerksamkeit des Barmanns. Die übrigen drei sondieren das Terrain auf der Suche nach fünf freien Plätzen. Und haben Glück — am Tresen direkt vor dem Flügel steht eine Gruppe Touristen auf, um Platz zu machen für eine neue Gruppe Touristen. Souverän sichern sich Chris und Co. die begehrten Plätze.

Wir nippen an unserem Wein und mustern eindringlich die eintretenden Gäste. Clint Eastwood ist nicht darunter. Als sich dann eine füllige Frau in wallendem Gewand hinter den Flügel setzt, den Tastendeckel aufschlägt – der Kellner reicht ihr ein Glas Rotwein, sie nickt ihm freundlich zu, nimmt einen Schluck – und den ersten Anschlag wagt, wird unmissverständlich klar, dass wir heute wohl kein Glück haben werden. Wir lauschen ein wenig der Barmusik, trinken aus und gehen.

Es ist ein klarer, lauer Abend. Die Grillen zirpen, der Kies knirscht unter unseren Füßen auf dem Weg zum Parkplatz. Mit einem Mal lässt ein plötzliches Heulen die Luft erzittern. Und er kommt direkt auf uns zu: groß, hager, kurrig, mit eisigem Blick.

Der Mann, der als Blonder zu Tuco sagt: “Es gibt zwei Arten von Menschen: Die einen haben einen geladenen Revolver, und die anderen buddeln. Du buddelst.”

Der Mann, der als “Dirty” Harry Callahan einen Bankräuber mit seiner Magnum und den Worten in Schach hält: “Ich weiß genau, was du denkst: ‘Sind da nun 5 oder 6 Schüsse raus?’ Ich muss zugeben, dass ich selber nicht mitgezählt habe. Das ist eine 44er Magnum; der Ballermann ist außerordentlich gefährlich. Nun frag dich doch mal, ob du ein Glückskind bist.”

Der Mann, der einfach nicht in Altersteilzeit gehen will, und der uns noch mit 80 Jahren kantige Charaktere präsentiert wie Walt Kowalski in Grand Turino und der kluge Filme dreht wie Million Dollar Baby, Der fremde Sohn oder Invictus.

Der Mann, der bereits zu Lebzeiten eine Filmlegende ist – Clint Eastwood. Wortlos schreitet er an uns vorbei in die Mission Ranch Bar.

Auf der Rückfahrt zum Hotel benehmen wir uns wie aufgekratzte Teenager.

  One thought on “Clint

  1. Guhlich's avatar
    Guhlich
    13. November 2010 at 10:50

    Hallo, Ihr Möchtegernteenager,

    schön, wie man Euch begeistern kann.

    Tschüss!

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