Mitten in der Nacht wache ich in einem stylischen Hotelzimmer auf und bin zunächst einmal orientierungslos. Kreischende amerikanische Teenagerstimmen cheerleaden permanent wie auf einer Achterbahnfahrt. Angenervt, aber das Unbeeinflussbare akzeptierend, falle ich in einen oberflächlichen Schlaf.
Andreas ergeht es ebenso, nur dass er das Problem ohrstöpselnd löst, nachdem er den Concierge um einen Weckruf gebeten hat. Daraus resultierend traue ich mich nun nicht, meine Ohren ebenfalls zu verschließen.
Eine mir unbekannte Person wankt auf der Market Street geschichtenerzählend in meine Träume. Kurzfristig ergebe ich mich dem Gedanken, er erklimmt die Feuerleiter zu unserem Notausgangszimmer. Dann aber webt er sich einfach in meine halbschlafenen Gedanken ein zusammen mit einem unangenehmen Biepen.
Um 8 Uhr stehen wir am Start des 99. Bay-to-Breakers-Rennen, zusammen mit anderen 24.421 Teilnehmern. Die spinnen doch, die Amis. Ich pflege keinen activ lifestyle, bin eher trunken von der Anstrengung, mich so früh aus dem Bett zu schälen. Wir fangen an zu rennen. Massen an Menschen stehen am Straßenrand, und mir stellt sich die Frage: Was tun die hier so früh? Haben sie nichts anderes zu tun? Oder ist dieser Lauf wirklich ein Highlight für SF?
Das Durchqueren einer Marihuanawolke nach 1,5 Meilen bringt vielleicht den erhofften Schub nach vorn. Andreas tänzelt leichtfüßig neben mir her, während wir slalomtanzend mehr als die linerae Strecke hinter uns bringen. Wir verlieren kostbare Zeit durch das Aufsuchen eines Dixi-Häuschens, passieren gebratene Speck-Menschen und eine Gruppe Haie, die drei Polizisten umkreist. Ein Typ mit Surfboard überholt uns auf dem Hayes-Hill-Anstieg, den wir trommelbegleitend hochhetzen.
Wenigstens muss ich nicht gehen. Andreas spricht aus Erfahrung von einem easy bergab, damit beginnt der Spaß. Wir beobachten zum Anfeuern Aufgestandene in Bademänteln und Schlappen, alkoholinfusionierte Dachparties in Haight Ashbury, Beobachter zusammengepfercht in einem Wintergarten, die dadurch aussehen, als wären sie im Knast.
Getränke offen und in Papiertüten, Kinder, Picknicks und Kostüme und Bands am Straßenrand. Läufer mit uns im Startblock sind eher die Ehrgeizigen, dadurch unkostümiert. Heidis, Stewie-Träger und Nudes, die eigentlich figurmäßig nicht so rumlaufen sollten, erheitern uns. Ein Sport-Scheck-Läufer winkt uns im Golden Gate Park bei Meile 7 zu.
Vor uns erhebt sich der Ozean aus leichter stehender Luftfeuchtigkeit, eine weitere Linkskurve und nach 1 Std 16 Min 46 Sek denken wir an die Fotoanweisung: Kopf hoch, lächeln, Arme hoch und ins Ziel spurten. Es ist 9:20 Uhr, und die sportliche, fröhliche Tagesleistung von 12 km ist erbracht.





