Samstag. Nach einem scheinbar endlosen und furchtbar anstrengendem Flug mit United Airlines (nie, niiiieee wieder!) treffe ich übermüdet in Zürich ein. In zwei Tagen soll ich hier eine Konferenz komoderieren. Doch im Moment kann ich mir so gar nicht vorstellen, in zwei Tagen auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn zu artikulieren.
Ich springe in ein Taxi. Der Taxifahrer fragt mich auf Schwizerdütsch, wohin es denn gehen soll. Ich verstehe kein Wort, weiss aber, was er fragt und antworte ihm auf Englisch. Total albern, denke ich noch in derselben Sekunde. Kann doch nicht sein, dass ich nach nur sieben Monaten, Schwierigkeiten habe, auf Deutsch umzuschalten. Nun gut, es ist Schwizerdütsch. Aber bitte… Die Fahrt zum Hotel bestreite ich in bestem Hochdeutsch.
“Grüezi, willkommen im Novotel City West,” heisst mich die charmante Rezeptionistin willkommen. Mein Zimmer sei bereits bezugsfertig. Vierter Stock, dann links. Ich muss schmunzeln, als ich mein Zimmer betrete. Von aussen gibt sich das Hotel einen modern-minimalistischen Anstrich. Lobby und Bar sind durchgestylt. Doch mein Zimmer sieht aus wie in einer Jugendherberge. Fehlt nur der Geruch von Hagebuttentee.
Als ich aus dem Fenster sehe, schaut mich ein überdimensionierter, anatomisch präparierter Schädel durchdringend an. Gunther von Hagens Körperwelten residieren im Gebäude gegenüber. Unter dem Riesenplakat brutzelt ein Grillmeister seine Bratwürste. Ob ihm dieser absurd-kannibalistische Zusammenhang wohl bewusst ist? Oder sehe nur ich das wieder so?
Ich gehe früh zu Bett und schlafe wie ein Stein zehn Stunden am Stück.
Sonntag. Zum Frühstück erst mal ein Birchermüesli und eine Schale. Ganz wie es sich geziemt. Die Sonne scheint, aber es riecht bereits nach Herbst. Es ist dieser besondere Geruch von feuchter Erde und verwelktem Laub, den es so in Kalifornien nicht gibt. Ich freue mich, wieder in Europa zu sein. Ich freue mich über das Kopfsteinpflaster, die Tram, die Limmat, die verwinkelten Gassen der Innenstadt und Kirchengebäude, die älter sind als 100 Jahre.
Wie ferngesteuert finde ich den Weg vorbei an Rodins Höllentor zum Kunsthaus. Die kulturelle Entbehrung in Nordkalifornien lässt mich das hier Gezeigte aufsaugen wie ein Schwamm.

Wie ein Junkie setze ich mir einen Fix nach dem anderen: hier eine Sonderausstellung von Alberto Giacometti, dort eine Schau von Albert von Keller. Von der italienische Renaissance gleite ich in die niederländische Renaissance. Danach die üblichen Verdächtigen des Impressionismus und der klassischen Moderne: Monet, Cézanne, van Gough, Chagall, Picasso, Klee, Ernst usw. Und als Höhepunkt schliesslich Arbeiten von Beuys, Polke, Kiefer, Bacon, Rothko, Twombly, Kapoor… Jaaahh!
Nach gut zweieinhalb Stunden spuckt mich das Kunsthaus wieder aus, gesättigt und zufrieden.
Nächste Station: Uerikon (nicht zu verwechseln mit Uetikon, das auf der gleichen Strecke liegt) an der sogenannten Goldküste. Mit der Bahn geht’s entlang des Zürichsees. Im Hintergrund zeichnet sich malerisch das Alpenpanorama ab. Auf einigen Gipfel vermeine ich Schnee zu erkennen. Wunderschön, das Ganze. Und ich hatte ja keine Ahnung, wie gross der Zürichsee ist.
Ab Bahnhof von Uerikon holen mich Andrea und Martin mit Janis und Charlotte ab. Schön, sie nach langen Jahren endlich einmal wiederzusehen. Aber irgendwie auch absurd: Da muss man erst um die halbe Welt fliegen, um seine Freunde in der Schweiz zu besuchen. Als Chris und ich noch in Berlin lebten, habe wir es drei Jahre lang nicht nach Zürich geschafft.
Die beiden zeigen mir den Ort und wir spazieren ein wenig am See entlang, genießen den herrlichen Ausblick. Den Rest des Abends verbringen wir dann bei Pasta und Wein mit langen, guten Auswanderergesprächen. Und wir erkennen, was wir eh schon wissen: Das Gras ist nicht immer grüner auf der anderen Seite. Aber manchmal doch schon.
