Fun with the DMV

Gezügelte Pferdestärken

Vor nunmehr einer Woche habe ich unser neues Auto angemeldet, einen titangrauen Mazda3. Zugegeben, es gibt ästhetischere Autos. Aber im Vergleich zu dem, was hier sonst so die Highways verstopft, ist das Design des Mazda3 auf der guten Seite.

Mit seinen 160 PS ist er außerdem sehr spritzig. Schade nur, dass man diese nicht ausfahren kann: 70 Meilen pro Stunde (110 km/h) sind hier das Höchste der Gefühle. Und die Highway Patrol ist schnell zur Stelle, wenn man doch mal mit dem Gaspedal spielt.

Es sei denn, man verkrümelt sich in die Wüste, wo man auf entlegenen, end- und kurvenlosen Straßen mal so richtig aufs Pedal treten kann. Habe ich aber noch nicht gemacht.

Erst einmal bin ich heilfroh, den Wagen überhaupt zu fahren. Denn die Kiste anzumelden folgt den Stationen eines klassischen Dramas in fünf Akten. Die Protagonisten: das DMV (Department of Motor Vehicles, so etwas wie das Straßenverkehrsamt), diverse Versicherungsvertreter, Jorge und ich.

1. Akt: Exposition

Anruf beim DMV. Ich möchte einen Termin vereinbaren. Ich versuche, mich durch ein endloses computergesteuertes Auswahlmenü zu wählen. Und scheitere kläglich. Dann trickse ich das System aus, umgehe das Auswahlmenü, indem ich gleich als erstes die Null drücke, in der Hoffnung so zu einem Operator zu gelangen. Na bitte, klappt doch.

Zu früh gefreut, ich hänge in der Warteschleife. Eine sonore Stimme teilt mir mit, dass die zu erwartende Wartezeit mehr als 10 Minuten betrage und es vielleicht eine gute Idee sei, es zu einem späteren Zeitpunkt oder an einem anderen Tag (sic!) erneut zu versuchen.

Ich bleibe hartnäckig und die Zeit verrinnt. Nach 40 Minuten habe ich endlich eine Call-Center-Mitarbeiterin am Ohr. Sie nennt mir die nächsten freien Termine. Ich sehe in meinen Kalender, fliege jedoch aus der Leitung, bevor wir uns auf ein Datum einigen können. Aaaaaargh! Und so geht das ganze Spiel von vorne los.

2. Akt: Erregendes Moment

Um ein Auto auf kalifornischen Straßen fahren zu dürfen, muss es registriert sein. Um ein Auto zu registrieren, muss es versichert sein. Also habe ich mir bei zahlreichen Versicherungen Angebote eingeholt. Und feststellen müssen, dass Versicherungsenglisch eine ganz eigene Sprache ist, die es zu lernen gilt, um nicht komplett über den Tisch gezogen zu werden.

Mittlerweile bin ich ganz gut darin, Versicherungsprämien zu verhandeln. Ich kann sagen, wie hoch Versicherungssummen vernünftigerweise sein sollten, kann Comprehensive Coverage und Collision Coverage auseinanderhalten, weiß, dass es Ermäßigungen gibt, wenn man zusätzlich eine Hausratversicherung abschließt, verheiratet ist, nicht raucht, denn Müll trennt, jeden Sonntag in die Kirche geht, Feuerwehrmann ist, und die Strophen 1 bis 4 der Nationalhymne auswendig aufsagen kann. Okay, das war jetzt ein wenig zugespitzt.

Letztlich habe ich über einen Versicherungsmaklerfreund eines Freundes ein faires Angebot erhalten. Er hat es tatsächlich geschafft, das Bestätigungsschreiben meiner deutschen Autoversicherung über 20 Jahre Fahrerfahrung in der Prämie zu berücksichtigen. Das ist ausschlaggebend! Denn normalerweise kann man sich hier nicht vorstellen, dass außerhalb der USA Auto gefahren wird. Selbst wenn man ein Leben lang als Trucker durch Europa gegondelt ist, wird man in Kalifornien in die gleiche Kategorie eingeordnet wie ein 16-jähriger Fahranfänger. Und zahlt eine exorbitant hohe Prämie.

3. Akt: Höhepunkt

Besuch beim DMV. Na, toll: Die Leute stehen schon vor dem Gebäude Schlange. Glücklicherweise habe ich einen Termin, denke ich, und schiebe mich an den Wartenden vorbei. “Sir”, werde ich von einer DMV-Frau angesprochen, “ich bitte Sie, sich hinten anzustellen.” Ich erkläre ihr, dass ich einen Termin habe. Sie erklärt mir, dass ich dazu erst bei der Information vorsprechen müsse und dass die Leute vor der Information anstünden. Ich schiebe mich an den Wartenden vorbei zurück ans Ende der Schlange. Dumm nur, dass ich nichts zum Lesen dabei habe.

Endlich dran. Ich teile der Frau am Informationsschalter mit, dass ich mein Auto anmelden möchte. Ja, ich habe einen Termin. Ja, ich habe die Überschreibungsurkunde dabei. Ja, ich habe die Versicherungsunterlagen dabei. Sie schickt mich zu Schalter 21.

Die Frau von Schalter 21 sieht meine Unterlagen durch, tippt einige Angaben in ihren Computer, legt mir einen Schrieb zur Unterschrift vor. “Das macht dann 1262 Dollar. Barzahlung oder Karte?” Ich meine, mich verhört zu haben, frage nach: “1262 Dollar? Für was?” Sie rollt mit den Augen, dann schlüsselt sie mir die Gebühren auf:

DMV-Ummeldegebühren von sage und staune 1552 DollarDie meisten Posten sind mir immer noch kryptisch. Nur soviel: Jeder hält die Hand auf. 81 Dollar etwa bekommt das DMV, 22 Dollar gehen an die California Highway Patrol, 3 Dollar fließen in die Erforschung alternativer Energien. Die wirklich fetten Beträge aber sind die Use Tax von 971 Dollar, eine Steuer die auf den Gebrauchtwagenpreis erhoben wird. Und eine Strafgebühr von 109 Dollar dafür, dass der Wagen 2 Monate lang nicht ordentlich registriert war.

Und als ob das nicht Strafe genug ist, werde ich außerdem verdonnert, einen Smog Check (Abgassonderuntersuchung) nachzureichen. Bis dahin wird der Wagen nur unter Vorbehalt angemeldet.

Welcome to California“, sagt die Frau von Schalter 21 lakonisch und lacht. Ich bin mir nicht sicher, ob das jetzt Ironie war oder ob sie das ernst meint.

4. Akt: Retardierendes Moment

Einen Smog Check kann man fast überall machen. Tankstellen bieten ihn an, freie Werkstätten und spezielle Smog-Check-Test-Only-Stationen. Die Preise variieren deutlich und man klagt sich gegenseitig der Geldschneiderei an. Freie Marktwirtschaft nennt man das wohl.

Jorge's Smog

Ich mache mich im Internet schlau, welcher Anbieter in der Bay Area einen guten Ruf hat und lande schließlich bei Jorge’s Smog in Mountain View. Komischer Name. Kann man schließlich auch dahingehend deuten, dass Jorge ordentlich Smog produziert. Aber das ist wohl typisch deutsch gedacht. Sein Motto: “We get satisfaction from a job well done!” Auch das kann man zweideutig auslegen.

Am nächsten Morgen fahre ich also bei Jorge vor. Sein Büro liegt versteckt in einem kleinen Industriegebiet; eine winzige Butze mit angrenzender Garage. Jorge selbst ist ein netter Typ, Mexikaner, schätzungsweise Mitte Vierzig. Ich komme gleich dran.

Während ich den Papierkram ausfülle, fährt sein Gehilfe den Mazda in die Garage. Jorge öffnet die Motorhaube, steckt den Schlauch auf den Auspuff und legt los.

Etwa 15 Minuten später halte ich das Zertifikat in den Händen. Der Mazda hat den Smog Check summa cum laude bestanden. 60 Dollar wechseln den Besitzer. Das Zertifikat schicke ich mit einigen anderen Unterlagen per Post an das DMV.

5. Akt: Katastrophe? Oder Sieg?

Innerhalb der nächsten Tage entscheidet sich, ob ich in einer Tragödie oder in einer Komödie mitspiele. Ich warte jetzt auf Post aus dem DMV-Hauptquartier in Sacramento. Hoffentlich kommt der Brief an. Und hoffentlich befindet sich darin meine Registrierungsmarke.

P.S.: Okay, fairerweise muss ich sagen, dass es auch keinen Spaß macht, sich mit dem deutschen Straßenverkehrsamt herumzuschlagen.

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